"Eigentlich hasst jeder die Eltern ..."

21. Oktober 2005, 21:48
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Don McKellar legt in "Childstar" die Ausbeutungsmechanismen im Filmgeschäft frei - der Regisseur im Interview

Der Filmstar Taylor Brandon Burns ist ein verzogener Teenager, dessen Unsitten nur noch von seiner Managerin und Mutter übertroffen werden - Frank Arnold traf "Childstar"-Regisseur Don McKellar zum Interview.


DER STANDARD: Hatten Sie als Schauspieler selber irgendwelche Erlebnisse mit Kinderstars, die Sie zu diesem Film inspiriert haben?

Don McKellar: Ein bisschen, ich hatte in verschiedenen Filmen mit solchen Geschöpfen zu tun, aber wichtiger waren eigentlich die Geschichten, die ich gehört hatte, von Mitgliedern der Filmteams, aber vor allem von den Fahrern, die sich um diese Kinderstars kümmern müssen – sie sind ein beliebter Gesprächsgegenstand.

DER STANDARD: Jeder hasst sie?

McKellar: Überwiegend ist das so. Doch eigentlich sind es die Eltern, die jeder hasst. Aber ich werde Ihnen keine Namen nennen.

DER STANDARD: Gibt es auch kanadische Kinderstars, die sich vielleicht durch diesen Film angegriffen fühlen könnten?

McKellar: Nicht in dieser Liga. Es gibt Sarah Polley, die eine gute Freundin von mir ist: Sie spielte in einer TV-Serie, bevor sie in "Baron Münchhausen" ihr Kinodebüt gab.

DER STANDARD: Aber sie ist geerdet...

McKellar: Definitiv. Und politisch engagiert dazu. Aber sie hat keine schöne Erinnerung an ihre frühen Jahre.

DER STANDARD: Der Plot von "First Son", dem Film-im-Film ist ziemlich wüst. Dennoch könnte ich mir durchaus vorstellen, dass jemand in Hollywood daran Gefallen finden könnte.

McKellar: Ja, als ich versuchte, Geld für Childstar aufzutreiben, wollten die Leute immer wissen, wovon handelt der Film-im-Film? Wenn ich in finanzielle Schwierigkeiten komme, kann ich ja versuchen, das nach Hollywood zu verkaufen – immerhin kamen mittlerweile zwei ähnliche Filme heraus, der eine hieß First Daughter.

DER STANDARD: Sie haben den Film in Cinemascope gedreht und der Anfang spielt mit diesem Format in einer Weise, die mich an Frank Tashlins "The Girl Can't Help It" erinnerte.

McKellar: Sie haben recht. Diese Art der Bildkomposition ist von ihm inspiriert, ebenso die Farben: Ich wollte ein richtiges altes Blau. Deswegen habe ich auch in Cinemascope gedreht, der Film sollte aussehen wie die klassischen Filme, nicht wie ein moderner Film, der popreferenziell an sein Thema herangeht. Ich wollte die Welt zeigen, wie sie sich einem informierten Auge darstellt, ich dachte an Menschen, die in diesen Filmen mitwirken und die in gewisser Weise in dieser Welt gefangen sind. Das Format erlaubt es mir, sie im Bild zu isolieren, sie einerseits für sich selber zu zeigen, andererseits den Blick von außen auf sie zu erlauben.

DER STANDARD: Der Fokus des Films verschiebt sich im Lauf der Geschichte, am Ende hatte ich den Eindruck, im Vordergrund steht die Figur, die Sie selber verkörpern.

McKellar: Aber nur am Ende. Man könnte sagen, es ist ein Film, in dem meine Figur irgendwann beschließt, die Hauptfigur zu werden.

DER STANDARD: Sie haben alle Figuren ambivalent gezeichnet, besonders die Mutter. Am Ende weiß man nicht, ob es nicht nur eine von ihr eingefädelte Intrige war, um eine bessere Verhandlungsposition zu haben.

McKellar: Mir war wichtig, dass der Zuschauer die Moral der Figuren bis zum Ende hinterfragt. Niemand ist besonders helden- oder schurkenhaft, höchstens die Agenten. Es ist leicht zu moralisieren in einem Film über einen Kinderstar, zumal was die Rolle der Mutter anbelangt. Deswegen habe ich auch Jennifer Jason Leigh als Mutter besetzt, sie hat keine Angst davor, unsympathisch zu wirken.

DER STANDARD: Die Bösen sind die "corporate people", die Agenten und Studiovertreter ...

McKellar: Aber sie spielen auch die Bösen, als hätten sie ihre Rollenmodelle direkt von der Leinwand. Viele Hollywoodleute ahmen Gangster nach und sehen sich selber als tough und erbarmungslos.

DER STANDARD: Haben Sie selber Erfahrungen mit Hollywood-Filmen?

McKellar: Ich habe eine komplizierte Beziehung zu Hollywood. Eine der großen Agenturen vertritt mich, aber die Rollen sind meist in der Kategorie "Mann am Computer" – ich bin auch zu beschäftigt mit meinen eigenen Projekten. Gegenwärtig arbeite ich an einem größeren, der Verfilmung von "Blindheit", einem Roman des portugiesischen Autors José Saramago. Das ist zu aufwändig, um es nur mit kanadischem Geld zu finanzieren, es wird sicherlich eine Koproduktion mit Europa sein. Es ist nicht unbedingt etwas für ein US-Studio, aber es ist immer gut, einen Verleihvertrag für die USA zu haben.

DER STANDARD: Dessen Story erinnert ein wenig an die von "Last Night"?

McKellar: Ja, ich las den Roman, als ich mit "Last Night" die Festivalrunde machte. Mein Produzent war skeptisch: "Willst du als der Apokalypse- Typ bekannt werden?" Deswegen fand ich es sinnvoll, erst einmal "Childstar" dazwischen zu schieben.

Standard: Als Sie bei der Viennale Ihren Film "Last Night" und den von Ihnen geschriebenen "The Red Violin" vorstellten, sagten Sie mir, Sie würden nie eine Rolle für sich selber schreiben ...

McKellar: Das stimmte in der Vergangenheit, aber bei "Childstar" hatte diese Figur so viele autobiografische Bezüge, dass ich zuerst an mich gedacht habe. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr fand ich, es sei unehrlich, diese Rolle nicht selber zu spielen. Das Publikum soll schon diese Verbindungen herstellen, die sich dadurch ergeben, dass der Regisseur des Films diese Rolle verkörpert.

DER STANDARD: In "Last Night" hatte David Cronenberg einen Auftritt...

McKellar: Er hat gerade seinen Ferrari-Film gedreht, deswegen konnte er auch in Childstar nicht mitwirken – er hätte einen der Agenten verkörpert. Wir sind in Kontakt, ebenso wie mit Atom Egoyan, in dessen "Where the Truth Lies" ich eine kleine Rolle spiele. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2005)

22. 10., Gartenbau, 23.00;

23. 10., Urania, 18.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
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