"Ihr Geld wird es gut haben"

9. November 2005, 10:14
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Viele Bawag-P.S.K.-Kunden nehmen gelassen, was sich derzeit rund um die Kreditvergabe der Bank an den US-Rohstoff- und Terminhändler Refco abspielt - Andere haben bereits ihr Geld "in Sicherheit gebracht".

Wien – Bei einem Lokalaugenschein des STANDARD in Wiener Bawag-P.S.K.-Filialen fällt eines auf: Es gibt kein hektisches Treiben, keine langen Schlangen vor den Kassenschaltern und offenbar auch keine empörten Kunden. In Summe sieht alles nach einem ruhigen Betrieb aus: Kunden erledigen ihre Einzahlungen, holen sich Kontoinformationen, stecken Info-Broschüren ein und gehen wieder. Die Filialen sind von Informationen zur Weltsparwoche geziert, versehen mit kleinen Schildern auf denen steht: "Ihr Geld wird es gut haben".

Alles nur Schein?

"Ich bin schon seit Jahrzehnten bei der Bawag P.S.K. und gehe jetzt auch nicht weg, es gibt keinen Grund dafür" erzählt eine Kundin. Sie habe keine Angst, dass ihre Spareinlagen durch den Riesenkredit in Höhe von 425 Mio. Euro, den die Bawag P.S.K. an den mittlerweile suspendierten Refco-Chef Phillip Bennett vergeben hatte, gefährdet seien. Die Höhe der Summe habe sie zwar überrascht, dennoch sei sie nicht besorgt, sagte eine ältere Dame. Der Kredit werde "sicherlich irgendwie gedeckt sein", und daher habe auch sie keine Sorge um ihr Erspartes.

Keine Angst

Den Eindruck, dass der Refco-Kredit "leichtfertig vergeben wurde", hatte ein Pensionist, aber "die werden schon etwas daraus gelernt haben". Unsicher sei er deswegen nicht. Keine Angst um seine Spareinlagen macht sich auch ein anderer Herr, der selbst bei einer Bank arbeitet. Bei welcher, wollte er nicht verraten. Dass ein Kredit in dieser Höhe vergeben wurde, könne der Bänker schon verstehen. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass alle Sicherheitsbestimmungen und Richtlinien eingehalten werden. Dass das bei diesem Kredit so war, davon gehe er aus. "Um die Bawag mache ich mir keine Sorgen", sagte ein Mann, ohne weitere Fragen zu beantworten.

Ein Pensionistenpärchen zeigte sich ebenfalls beruhigt. Man wisse zwar nicht, ob bei der Kreditvergabe alles mit rechten Dingen zugegangen sei, aber ein Grund für einen Wechsel zu einer anderen Bank sei das nicht. "Das Konto läuft auf den Namen meines Mannes", erzählt eine andere Kundin. Er sei schon besorgt und überlege einen Wechsel zu einer anderen Bank. Die Höhe des Kredits sei ihr "unverständlich".

Besorge Mitarbeiter

Während die befragten Kunden eher ruhig wirkten, zeigten sich Bawag- P.S.K.-Mitarbeiter allerdings besorgt über vermehrte Geldabhebungen, auch mancher großer empörter Kunden.

Eine Kundin, die ihr Konto aufgelöst hat: "Wenn eine Bank mit Geld nicht umgehen kann, will ich dort nicht Kundin sein". Bei der Kontoauflösung am Donnerstagvormittag waren der Filiale bereits die 500-Euro-Scheine ausgegangen und nur mehr 100-Euro- Noten vorhanden. Die Schalterangestellte habe ihr beteuert, dass in den letzten Tagen viel los gewesen sei, und sie hoffe, dass einige Kunden ihr Vertrauen in die Bawag nicht verlieren. Das Geld vom Konto liege derzeit bei einer anderen Bank. Ob sich diese Kundin eine Rückkehr zur Bawag P.S.K. vorstellen kann, wisse sie im Moment noch nicht.

Aktive Konkurrenz

Beklagt wurde von Bawag- P.S.K.-Mitarbeitern auch, dass einige Konkurrenzbanken bereits aktiv Kunden "keilten". Erste-Bank-Kunden mit Zweitkonto bei der Bawag P.S.K. hätten Donnerstag Anrufe bekommen, ob sie nicht ganz zur Erste Bank wechseln wollten. Erste-Bank-Vorstand Reinhard Ortner ist nach eigenen Angaben von derartigen Schwerpunktaktionen gegen die "Nachbarn" nichts bekannt. "Wir sind auch nicht die ersten Verdächtigen für abwanderungswillige Bawag- P.S.K.-Kunden", sagte Ortner.

Ein älterer Herr, der am Donnerstag ein Konto bei der Bawag P.S.K. eröffnet hat, fühlte sich durch die Frage, ob er nun um seine Spareinlagen fürchte, erschreckt. Er hatte von der Refco-Affäre bisher nichts gehört und fragte skeptisch, ob er denn jetzt etwas falsch gemacht habe. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.10.2005)

  • Ruhig wirkte es in den Filialen der Bawag P.S.K. - "business as usual" könnte man vermuten. Mitarbeiter zeigen sich über Geldabhebungen, Kontoauflösungen und Empörung - auch von großen Kunden - besorgt.
    foto: standard/cremer

    Ruhig wirkte es in den Filialen der Bawag P.S.K. - "business as usual" könnte man vermuten. Mitarbeiter zeigen sich über Geldabhebungen, Kontoauflösungen und Empörung - auch von großen Kunden - besorgt.

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