Alles hängt an einem Faden

21. Oktober 2005, 21:22
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"Melegin Düsüsü" ("Angel's Fall") von Semih Kaplanoglu: ein eigenwilliges Familiendrama aus der Türkei

Ein irritierendes Ritual eröffnet diesen Film: Eine junge Frau bewegt sich eine Straße hinauf, in der Hand eine Spule Zwirn, Reste davon säumen ihren Weg. Wenn der Faden reißt, muss sie an den Ausgangspunkt zurück. Als er schließlich hält, ist sie an einer Klippe angekommen.

Der Vorspann trennt diese Sequenz von dem, was darauf folgt – erklärt wird sie nur indirekt. Als Metapher wie als Alptraum oder Verzweiflungstat macht sie gleichermaßen Sinn. "Melegin Düsüsü" ("Angel's Fall"), der zweite Langfilm des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, wirkt wie eine formale Antithese zu Rosetta: Statt über physische Direktheit und rasante Bewegung wird hier aus der Distanz und in ruhigen Bildern eine verwandte Protagonistin begleitet. Da wie dort wird großes Augenmerk auf die genaue Beobachtung alltäglicher Verrichtungen gelegt. Da wie dort bewegt man sich geographisch (und sozial) an der Peripherie. Gesprochen wird nur wenig. Während die Heldin der Dardennes vehement ihre materielle Notlage zu verbergen trachtet, hat Zeynep (Tülin Özen) ein anderes, aber ebenso existenzielles Problem:

Nachts, wenn sie im Bett liegt, ist sie den Übergriffen ihres Vaters ausgesetzt. Tagsüber, wenn sie mit Gleichmut ihrer Arbeit als Zimmermädchen nachgeht, oder ihrem Vater den bescheidenen Haushalt führt, lassen ihre Verschlossenheit und ihre abwehrende Haltung allenfalls erahnen, welches Geheimnis sie bewahrt.

Ein schüchterner Verehrer wird für seine Anhänglichkeit gescholten, ehemalige Nachbarinnen bieten nur vorübergehend Rückhalt. Ein wortkarges gemeinsames Abendessen mit dem Vater wird zu einem unausgesprochenen Kräftemessen. Und ganz langsam scheinen sich Zeyneps kleine Fluchten und Fantasien in ihr zu einer widerständigen Haltung, zu einem Eigenleben zu formieren, während der Vater, ebenso hilflos, gegen sein diffuses Schuldgefühl den Alkohol bemüht.

Kaplanoglu lässt diese Geschichte irgendwann auf eine bruchstückhafte zweite treffen: Von einer Bekannten hat Zeynep erfahren, dass jemand einen Koffer mit Frauenkleidern abzugeben hat. Kurz kreuzt sie damit den Weg jenes Mannes, dem der Film vorübergehend in seine düsteren Erinnerungen folgen wird.

Für Zeynep entpuppt sich der Inhalt des Koffers – Kleider, die die Möglichkeit für eine andere weibliche Identität nahe legen – schließlich als Katalysator für grundlegende Veränderungen: Ein anderes Leben ist greifbar nahe. Der Preis dafür ist hoch. Ein Freund steht als Helfer bereit. Alles hängt an einem dünnen Faden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.10.2005)

Von Isabella Reicher

24. 10., Künstlerhaus, 13.00

25. 10., Urania, 18.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
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