Monte-Carlo-Country-Girl

23. August 2006, 15:28
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Fünf Jahre lang lebte Englands berühmteste Klassiker-Autorin Jane Austen im Kurort Bath, den sie in allen ihren Romanen erwähnt

Es heißt, Jane Austen sei vor Schreck in Ohnmacht gefallen, als ihre Eltern ihr im Dezember 1800 mitteilten, dass die Pfarrersfamilie aus dem ländlichen Hampshire in den eleganten und modischen Kurort Bath in Somerset ziehen würde. "Kein Wunder", sagt dazu Terry, der im Jane-Austen- Centre in Bath als Führer arbeitet, und wedelt mit der rechten Hand vor dem Stammbaum der Austens herum, der hinter ihm als gedrucktes Plakat auf einer Tafel aufgezogen ist. "Jane war ein Country-Girl", sagt er, "in einer anderen Stadt hätte es ihr genauso wenig gefallen wie hier."

Will man allerdings die Bilanz ihres Aufenthalts an der künstlerischen Produktion messen, dann waren Jane Austens fünf Jahre in Bath - von 1801 bis 1806 - ein ziemliches Fiasko. Die 25-Jährige, die bereits drei unveröffentlichte Romane über das Leben der ländlichen Ober- und Mittelschicht in der Schublade hatte, die heute zu den meistgelesenen Klassikern der englischsprachigen Literatur zählen, schrieb in Bath so gut wie nichts. Die sonst so besessene Vielschreiberin überarbeitete hier ein wenig ihre älteren Manuskripte und begann einen neuen Roman, den sie abgebrochen liegen ließ. Mehr war da nicht.

Man fragt sich, was ihr nicht gefiel. Einem einzigen Idyll gleich, liegt das heutige Bath an diesem herrlich lauen Oktobertag in der gleißenden Herbstsonne. Sanft steigen lange, cremeweiße Kalksteinhäuserreihen links und rechts die leicht terrassierten Talhänge hinauf. Durch das von der großen Abtei dominierte Zentrum mäandert das Flussbett des Avon, dazwischen und rundherum leuchtet viel üppiges Baum- und Wiesengrün, das durch ersten herbstliche Rot- und Gelbtöne gesprenkelt ist. Im dunstverhangenen Hintergrund ahnt man die Hügel der berühmten Landschaft der Cotswolds mit ihren Steinhäusern und Cottagegärten.

Kommendes Frühjahr sperren die legendären Bath-Thermen, die seit 1978 geschlossen waren, in neuem Gewand als Wellness-Spa mit Dachpool wieder auf. Es wird ein großes Jahr für die Stadt - neben den römischen Bädern, deren eindrucksvolle Reste im späten 19. Jahrhundert gefunden wurden und die mit ihren unterirdischen Wasserführungen, Fußbodenheizungsresten und Tempelanlagen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten Fixpunkt jedes Bath-Besuches sind, wird die neue Therme, so hofft man, das zweite Zugpferd der Stadt werden. Bath ist allerdings bereits jetzt wohlhabend - und reich an Touristen. Größter Arbeitgeber ist aber das Verteidigungsministerium, das schon während des Zweiten Weltkriegs Teile seiner Verwaltung, vor allem der Navy, nach Bath verlegt hatte.

Unter Baths 90.000 Einwohnern sind heute 20.000 Studenten - ein Umstand, der den Status der Stadt als Pensionisten-Rückzugsort spürbar ausgleicht. Dass das 21. Jahrhundert in dieses weltkulturerbe-geschützte georgianische Gesamtensemble Einzug gehalten haben soll, merkt man erst auf den zweiten Blick - und auch dann spielt es keine große Rolle. "Die Stadt hat sich seit Jane Austens Lebenszeit kaum verändert", sagt der Direktor des Jane Austen Centre, David Baldock. "Die Orte, über die sie schrieb, existieren noch exakt so wie vor 200 Jahren."

Denn auch wenn Jane Austen Bath nicht mochte, die Stadt war so sehr Teil ihres literarischen Mikrokosmos, dass sie in jedem ihrer Bücher auf sie zu sprechen kam. Zwei Austen-Romane - "Northanger Abbey" und "Persuasion", die beide erst nach ihrem Tod 1817 erschienen - spielen sogar ausschließlich in dem südwestenglischen Kurort. Aber auch in "Emma", "Sense and Sensibility" und in "Pride and Prejudice", dem erfolgreichsten unter den Austen-Longsellern, welcher der britischen Nationalliteratur mit Lizzie Bennet und Mr. Darcy ihr berühmtestes Liebespaar beschert hat, taucht Bath auf: als jener Ort, an dem Darcys ruchloser Gegenspieler Wickham immer wieder auf "Vergnügungstour" unterwegs ist.

Wo Bath erwähnt wird, herrscht Skepsis: Jane Austen verwendete es als Austragungsort für ihre Jahrmärkte der Eitelkeit, als Metapher für geistlose Ausschweifung und als Ballungszentrum hohler Dummheit. Zweifellos bot Bath ihrem scharfen Blick reichen Stoff für Beobachtungsstudien auf dem Gebiet menschlichen Balz-, Rudel- und Konkurrenzverhaltens. "Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war Bath ein einziges großes Vergnügungszentrum - allerdings nicht das Las Vegas, sondern das Monte Carlo Englands, derjenige Platz, an dem sich während der Saison von Oktober bis Mai die Aristokratie traf", erklärt Jan Hudson, die seit über 20 Jahren Touristen durch die Stadt führt. Der kometenhafte Aufstieg Baths zum Modeort der Regency-Zeit, erzählt sie, verdankte sich in letzter Konsequenz der schwachen Konstitution von Queen Anne. Ab 1702 eilte diese - angelockt vom auf die Römer zurückgehenden jahrhundertealten Ruf der Heilwirkung, die den drei heißen Mineralquellen von Bath vorauseilte - regelmäßig auf Kur dorthin. Was der von eineinhalb Dutzend Problemschwangerschaften gequälten Königin gut tat, konnte für ihresgleichen kaum schlecht sein und wurde daher rasch fashionable.

Wie die Lemminge strömten die Angehörigen der Oberschicht nach Bath, ob leidend oder nicht. Mit ihnen kamen das Geld, die Kartentische und Bälle, die Modesalons und Tea-Rooms, der Heiratsmarkt und jener Bauboom, der das Gesicht von Bath bis heute prägt. Die Duchesse of Devonshire, eine Urahnin von Prinzessin Diana, verspielte hier gigantische Vermögen. Alles spielte: Sogar die Träger, die die Kurgäste in Sänften von zu Hause abholten und zu den heißen Quellen schleppten, vertrieben sich die Wartezeit während der Behandlungen mit dem Kartenspiel um Geld.

Mit der sittenstrengen Queen Victoria, die 1837 den Thron bestieg, verschwand das Laster aus Bath, ebenso wie die unter den Kleidern hervorlugenden Spitzen der Unterröcke, die zu Jane Austens Zeit in Mode gewesen waren. Schon um 1800 allerdings, als die Austens nach Bath kamen, hatte der Lack der Stadt einiges von seinem Glanz verloren. "Bath war am absteigenden Ast. Es zog viele Möchtegerne hierher - Leute, denen es eindeutig an den Mitteln fehlte", sagt Jan Hudson. In gewisser Hinsicht galt das auch für die stets geldsorgengeplagten Austens: Sie waren ohnehin schon die armen Verwandten ihres in Bath lebenden Onkels. 1805, nach dem Tod des Vaters umso mehr.

Mutter Austen, die ihren Mann in Bath geheiratet hatte und ihn dort zu Grabe trug, und ihre zwei unverheirateten Töchter Jane und Cassandra stiegen innerhalb von eineinhalb Jahren von einem schönen Herrschaftshaus in 4, Sydney Place - gleich vis-à-vis der Sydney Gardens und der Prachtstraße Great Pulteney Street - über Hausetagen in Green Street und Gay Street in die Beengung der Trim Street ab. Kein Wunder, dass Jane in Bath nicht die rechte Konzentration zum Schreiben fand.

Das Jane Austen Centre liegt in der Gay Street 40 - unweit von Nummer 25, wo die Autorin ein paar Monate verbrachte. Vor der Tür steht eine lebensgroße Kunststoff-Jane-Austen in blauem Kleid und Spitzenhäubchen. Der Geschenkshop bietet alles, von Spitzendeckchen über gestickte "My home is my castle"-Schilder bis zu Jane-Austen-Konterfeis auf Tassen und Lesezeichen. 50.000 Billigausgaben ihrer Romane verkauft der Shop jährlich - ein sicherer Beweis dafür, dass es sich bei den Besuchern nicht um Hardcorefans handelt, denn solche haben ihre Bücher bereits zu Hause. Davon ist David Baldock, der das Zentrum vor sechs Jahren gegründet hat, überzeugt.

Bis dahin erinnerte in Bath nichts außer einer schwarzen Plakette am Haus Syndey Place Nummer 4 an dessen berühmte Bewohnerin. Diese ist auch heute noch da: "Here lived Jane Austen 1801-1805", steht da schwer leserlich schwarz auf schwarz. Eine Information, die zudem nicht einmal stimmt, denn die Austens waren schon 1804 gezwungen, von dort wegzuziehen.

Indes hat sich alles geändert: David Baldocks Jane Austen Centre, in dem man, von Regency-Zeit-Musikklängen berieselt, von Raum zu Raum den Lebensstationen Austins, Schwerpunkt Bather Jahre, folgt, lockt 42.000 Besucher pro Jahr an. Es gibt Jane-Austen-Führungen durch Bath und seit fünf Jahren auch ein jährliches Austen-Festival im September, das Aficionados aus aller Welt zu Diskussionsrunden, Bällen, Kostümdinners, Musikabenden, Lesungen und Filmsessions vereinigt.

In diesem Oktober, in dem in Bath sowohl das "Little Theatre"-Kino als auch das "Odeon" die in Großbritannien gerade angelaufene neue Filmversion von Austens "Pride and Prejudice" zeigen, gibt es zudem im städtischen Kostümmuseum eine Sonderschau "Jane Austen - Film and Fashion". Jane Austens Ruhm nimmt also ständig zu - David Baldock weiß wieso: "Der echte Boom kam mit der BBC-Fernsehversion von 'Pride and Prejudice' 1995", sagt er. Seither ist alles im Jane-Austen-Fieber - vor allem Bath. (Der Standard/rondo/21/10/2005)

Infos:
"Visit Britain" bietet Reisen nach Bath und zu den Drehorten der Neuverfilmung von "Pride and Prejudice": Visit Britain
Anreise:
Broschüren, Infos unter Britain direct
Unterkunft:
Bath Spa Hotel

Von Julia Kospach
  • Das Spa Hotel in Bath
    www.leonardo.com

    Das Spa Hotel in Bath

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