Die Saurierberge von Tataouine

21. November 2005, 22:26
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Auf den Spuren der Dinos unterwegs im Hochland von Tunesien

Als sie das letzte Mal hier waren, bebte der Boden unter ihren Schritten, und es war kein Mensch weit und breit. Es gab damals keine Straße in der Region, keine Lehmhäuser, keine Nomadenzelte. Es saß noch niemand am Lagerfeuer im Windschatten des Jebel-Miteur-Massivs und sang Lieder. Nicht einmal den Muezzin von Toujane gab es, der heute fünfmal am Tag vom schneeweißen Minarett der Moschee zum Gebet ruft und sein "Allahu akbar" vom Echo des Tales zurückwerfen und vom Wind über die Berge Richtung Sahara tragen lässt.

Manche von ihnen kauten damals Berge von Blättern, andere gingen mit 20 cm langen, messerscharfen Zähnen aufeinander los, und die Größten wogen bis zu fünf Tonnen. Rotbraun sind die zerfurchten Bergrücken zwischen Matmata und Tataouine im Südosten Tunesiens heute. Vor 66 Mio. Jahren waren sie dunkelgrün.

Die Gegend war fruchtbar, von Urwäldern überzogen

.. - und sie war Heimat riesiger Echsen, ein bevorzugtes Weide- und Jagdgebiet zahlreicher Dinosaurier. Forscher ringen den zerfurchten Felsen, die zwischen 30 und 100 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt sind, heute Zähne und Knochen der Riesen aus der Vorzeit ab, finden ganze Skelette im Bergland der südtunesischen Gouvernorate von Medenine und Tataouine - in den Cheguimi-Bergen, vor allem auf dem isoliert gelegenen Jebel-Miteur-Plateau, im Beni-Ghdir-Tal und an Oued el Khil und Oued Zaafrane.

Kinder suchen mit, finden Fossilien im Sand, Knochen in den Höhlen. Vieles wird einfach so verkauft, manches nicht einmal für wertvoll erachtet - anderes der Nachwelt erhalten. Die Gegend zählt zu den reichsten paläontologischen Forschungs-und Grabungsgebieten Nordafrikas. Die Dinosaurier scheinen sich hier einst sehr wohl gefühlt zu haben.

Allabendlich erwachen sie scheinbar zum Leben

Die Tunesier haben ein paar von ihnen inzwischen aus Stein, Kunststoff und Farbe in Lebensgröße nachgebildet und hoch oben und schwer zugänglich in die Felsen gestellt, als sollten diese Modelle zeigen, wer einst Herr über die Täler und Gipfel der Region gewesen ist. Allabendlich erwachen sie scheinbar zum Leben, wenn in der Dämmerung Tag, Nacht und die Zeiten verschwimmen und in der urweltlichen Felslandschaft alles möglich scheint.

Als ob ein neun Meter langes Iguanodon 125 Millionen Jahre nach seinem Tod wieder erwacht wäre und den Hals über die Felskante Richtung Landstraße recken würde. Als ob ein vor 66 Millionen Jahren ausgestorbener Carcharodontosaurus, das gefährlichste und größte Raubtier aller Zeiten, im Halbdunkel vor einer gewaltigen Felsspalte auf Beute warten würde und seinen fast 15 Meter hohen Schatten im letzten Sonnenlicht auf das Gestein würfe. Er lässt einen Eselskarren voller Kaktusfeigen passieren, einen Landrover, den Schulbus auf dem Nachhauseweg. "Auch diese Nacht wird er sich nicht bewegen", sagt Moncef Hassan lachend, "aber die echten Dinosaurier sind da. Ihre Knochen sind im Stein gefangen, im Sand versteckt. Überall."

Moncef Hassan hat einen Stand im Nirgendwo und hofft auf die Dino-Fans

Der alte Mann mit dem grauen Haarkranz ist hier aufgewachsen, hat als Kind Saurierzähne gesammelt, ohne zu wissen, was es war. Er hat riesige Knochen aus dem Boden wachsen und Wissenschafterteams kommen und gehen sehen. Heute gehören ihm zwei Bänke und ein Tisch, ein Kessel und ein paar bemalte Tassen aus Ton an der Landstraße nach Toujane. Morgens baut er sie auf, abends nimmt er das Geschirr mit nach Hause ins Dorf, und mit ein bisschen Glück wird er Jahrmillionen nach den Sauriern von den Riesen aus der Urzeit profitieren. Moncef Hassan hat einen Stand im Nirgendwo an der knapp zwei Geländewagen breiten Piste - und hofft auf die Dino-Fans. Die Rückwand seines schmalen Cafés ist der Felsen, das Dach der Himmel, die Klimaanlage der Wind.

Ein paar Landrover mit Urlaubern an Bord sind es inzwischen jeden Tag, die sich die Serpentinen hinab Richtung Toujane schrauben, zu den Ksaren, den alten Berberfestungen des Binnenlandes, und vielleicht noch weiter zu den Fundstätten der Riesenskelette. Manche machen einen frisch gebrühten Pfefferminztee lang bei Moncef Hassan Station.

Die Region führt touristisch bislang ein Schattendasein

Sie kommen aus Matmata, haben dort die Wohnhöhlen der Berber besichtigt und nehmen nun den unbequemen Weg über die Berge, um Tunesien auch abseits der viel bereisten Routen zu entdecken. Die Region führt touristisch bislang ein Schattendasein. Das sollen die Saurier ändern: Gerade erst ist ein Rundfahrtsweg durchs steinerne Archiv der Erdgeschichte angelegt worden, gerade sind erste Fundstellen an diesem "Jurassic Trail" durch Südtunesien ausgeschildert worden.

Noch viel mehr Tafeln sollen schon bald erklären, was dort jeweils gefunden wurde, wer dort gelebt hat und wie viele Millionen Jahre das her ist. Wenn alles fertig ist, wird Moncef Hassan einen zweiten Kessel anschaffen und eine weitere Bank zimmern müssen.

Anreise:
Die Region zwischen Matmata und Tataouine ist am besten auf ein- und zweitägigen Ausflügen per Landrover von Djerba aus zu erreichen. Wer auf eigene Faust starten will: Leihwagen vor Ort ab rund 60 Euro pro Tag
Unterkunft:
Drei-Sterne-Hotel "Sangho Privilège" (Tel.: [00216 75] 86 01 24) bei Tataouine ab rund 29 Euro.
Literatur:
Vom Autor dieses Beitrags ist ein Reportagen-Band unter dem Titel "Die Flecken im Fell des Leoparden - tunesische Arabesken" erschienen (Picus-Verlag Wien, im Buchhandel um € 13,90
(Der Standard/rondo/21/10/2005)

Von Helge Sobik
  • Artikelbild
    foto: lupereisen.com
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