Zu Besuch bei Onkel Ho

Tanja Paar; Thomas Rottenberg
22. April 2007, 16:16
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    foto: apa/epa/heng sinith
  • Solche Straßenszenen kann man in Ho Chi Minh City noch entdecken - aber nicht mehr lange. Immer stärker wird das Stadtbild von motorisierten Gefährten.
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    Solche Straßenszenen kann man in Ho Chi Minh City noch entdecken - aber nicht mehr lange. Immer stärker wird das Stadtbild von motorisierten Gefährten.

Aus der Fahrradstadt Ho Chi Minh City ist längst eine Mopedstadt geworden

Natürlich hinkt alles, was ein Vergleich ist. Und außerdem lassen sich Länder nicht miteinander vergleichen. Und trotzdem. Trotzdem drängt sich der Vergleich auf: Schließlich feiern Vietnam und Österreich im Jahr 2005 durchaus verwandte Anlässe: Kriegsende und Befreiung nämlich. Und auch wenn historische, politische und geografische Rahmenbedingungen und nationale Vorgeschichten denkbar unterschiedlich sind, ist da doch eine Gemeinsamkeit. Eher spür- denn festmachbar: Denn offiziell und ins Gesicht sagt einem weder in Österreich noch in Vietnam jemand, dass die offiziellen Veranstaltungen, Feierlichkeiten und Erinnerungsmaßnahmen den meisten Leuten völlig egal sind. Weil sich das halt nicht gehört. Gerade dann, wenn man in einem Land lebt, das seine nationale Identität maßgeblich aus den hier gefeierten Jubiläen zieht.

Es war im April 1975, als Panzer der nordvietnamesischen Armee die Gittertore zum - wie er damals hieß - "Präsidentenpalast" in (wie es damals hieß) Saigon so kameragerecht platt walzten, dass die tatsächlich authentischen Bilder von damals heute ziemlich gestellt wirken, und wenige Minuten später die Fahne des Vietkong vom Balkon des Gebäudes wehte: Der Vietnamkrieg (ausgebrochen zwischen der einstigen Kolonialmacht Frankreich und kommunistischen Rebellen, fortgeführt von den USA und beendet zwischen Nord- und Südvietnamesen) war also vorbei - aber die Erinnerung daran wird in Saigon (das nach dem 30. April 1975 umgehend in Ho Chi Minh City umgetauft wurde) längst nicht nur aus restkommunistisch-patriotischen Gründen an jeder Ecke am Leben erhalten.

Vietnam im Allgemeinen - die (offiziell) Viereinhalb-Millionen-Menschen-Metropole Saigon (inoffiziell: bis zu sieben Mio. Einwohner) im Besonderen - sind längst hippe Ziele des gehobenen Rucksacktourismus geworden. Weil jedes Land von seinen Klischees lebt, verklopft jeder Straßen- und T-Shirt-Händler garantiert echte Reminiszenzen und Relikte - und die tatsächlich echten Erinnerungszonen werden bestens in Stand gehalten. Nicht nur die feudalen und dekadenten Prunkräume der bösen kapitalistischen Herrscher im Palast und das Labyrinth unterirdischer Karten- und Kommunikationsräume: Auf dem Dach des (heutigen) "Wiedervereinigungspalastes" markieren rote, mehrsprachig beschriftete Kreise die Stellen, an denen heldenhafte Bombenschützen die feige Flucht der kapitalistischen Günstlinge der Imperialisten - durch Bombenabwurf - verhinderten. Und so weiter.

Wenn man da nicht wirklich aufpasst, verrennt man sich in und um Ho Chi Minh City dermaßen zwischen Kriegsglorie und Heldengedenken, dass von der pulsierenden, faszinierenden Stadt Saigon sonst nichts übrig bleibt. Denn natürlich ist da mehr: Die Kathedrale etwa: "Notre Dame" heißt sie - und ist eines der wenigen auf den ersten Blick als aus der französischen Kolonialzeit stammend zu identifizierenden Gebäude: Sogar die Steine des neoromanischen Baus aus 1877 kamen aus Frankreich. Und es war weniger der Krieg als der ultrapragmatische Umgang mit den Faktoren "Platz" und "Bausubstanz" in (asiatischen) Städten mit ihrem enormem Besiedelungsdruck auf das Zentrum, der dazu geführt hat, dass man in Saigon sonst sehr genau hinschauen muss.

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Nicht nur am sich beschleunigenden Verkehr zeigt sich der rasante Wandel in Vietnam - gerade im Gedenkjahr, findet Thomas Rottenberg
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6 Postings

Aber nicht vom 7. September bis zum 7. November 2012. Da ist das Mausoleum geschlossen und Onkel Ho wird wieder auf Vordermann gebracht.

Wer Onkel Ho persönlich treffen will...

der muss sich schon nach Hanoi begeben, wo er in seinem Mausoleum aufgebahrt liegt. Eigenartige Stimmung garantiert!
In meinem Artikel "Treffen mit Onkel Ho" (erschiene in meinem Buch "Tuk Tuk, Sir?") habe ich darüber geschrieben.
Mehr auf www.comediantraveller.com.

nach zwar nur wenigen jahren in malaysien und urlauben in die umgebung bin ich zur erkenntnis gekommen,dass vietnam das uninteressanteste land in so-asien ist. ein land fast ohne kultur,ohne identität,ohne stolz,ohne sehenswürdigkeiten(ausser der ha-long-bay),wo man als reisender(und das mit einer malaysisch-chin. frau)nur betrogen,gelinkt und beschissen wird.vom kommunismus spürt man wenig,es gibt ihn auch nicht. für bildung und gesundheit muss man bezahlen,und das bei einem durchschnittseinkommen von 300€ pro jahr.traurig.

nur teilweise richtig...

Ich lebe seit mehr als einem Jahr in Vietnam. Das Land ist schön., aber die Mentalität der Leute (besonders im Norden) ist mitunter heftig. Aus diesem Grund mag ich Hanoi auch nicht besonders. Der Kommunismus ist allgegenwärtig. Propagandaplaate, Propagandalautsprecher und Gehirnwäsche für alle Einwohner ab dem Kindesalter. Als Ausländer merkt man den Komm. nicht so sehr, aber man wird laufend überwacht. Sogar Volunteerring ist genehmigungspflichtig. Und der Beamtenapparat ist extrem korrupt. Fazit: als Urlauber kommt man schon auf seine Rechnung, zum Leben find ichs eher Scheiße.
Wer mehr Info zum Thema möchte und einen Auszug aus meinem reichhaltigen Fotofundus, auf meiner Homepage www.comediantraveller.com gibts mehr davon.

In dieser Stadt ...

... hab ich das erste Mal einen Hauch von Abenteuer verspürt - aufregend, mystisch, alive!

So

würde es vermutlich 90% der hier postenden gehen. Alleine der Hauch des realen Kommunismus lässt einen spitze Schreie des Entzückens ausstoßen.

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