Stricken

2. Jänner 2007, 13:12
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Weil Stricken das bessere Yoga ist - Oder: Strick-Hass in Folge eines Kindheitstraumas

+++Pro
Von Thomas Rottenberg

Manchmal ist G. auf die Philosophen sauer. Weil Kant ihm das Stricken eingebrockt hat. Und weil ihm die blöde Nachrede geblieben ist. Obwohl er doch nur ein Mal - ein einziges Mal - groß die Klappe aufgerissen hat. Nicht aus Woll-Lust, sondern aus Wolllust: G. ist mit Strickzeug bewaffnet aufgekreuzt und hat (so, dass es die von ihm verehrte Hardcore-Philosophin im hinteren Beisl-Eck hören musste) proklamiert, dass auch bei der Hobby-Wahl der kategorische Imperativ zähle. Deswegen stricke er jetzt.

G.s Pech: Das Handarbeits-Etikett pickt. Und G. hängt an der Nadel. Weil Stricken - das behaupten ja angeblich auch Uma Thurman, Kate Hudson, Madonna und Russel Crowe - "das bessere Yoga" ist. Wer G. aber öffentlich aufs Stricken anredet, läuft Gefahr, eine Nadel ins Herz gerammt zu bekommen: Da kennt er keinen Spaß.

Mit der Frau seiner damaligen Träume ist G. mittlerweile übrigens verheiratet. Glücklich. Dass er sie einst anstricken wollte, hat sie damals gar nicht mitbekommen - und ihm heute längst verziehen: Sie schätzt sein ausgeglichenes Wesen. Und all die hässlichen Schals und Pullis kriegt die Altkleidersammlung.

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Contra---
Von Renate Graber

Sieht man mir das an, um Himmels willen, sieht man das? Sie hätten mich doch bitten können, fürs Hantieren mit langen Nadeln, von denen ständig Wolle rutscht, zu argumentieren. Aber nein, ich komme nur als Gegnerin in Frage. Man sieht es also.

Ich hasse Stricken. Um ehrlich zu sein: Ich habe ein Kindheitstrauma. Der Grund dafür heißt Beinl (schaute auch so aus) und war meine Handarbeitslehrerin. Sie ließ uns Hauben stricken. Ich krallte mich also mit schwitzenden Händen fest an den Nadeln, verlor Maschen, zerschnitt mir fast die Finger an der Wolle. Aber die Haube, die ich nie, nie aufgesetzt hätte, wurde. Ja, sie erinnerte härtemäßig an ein Waschbrett, aber sie war okay. Bis Beinl kam.

Nie werde ich es vergessen, das Geräusch, als sie das Waschbrett auftrennte. Ich bekam dann einen Dreier in Handarbeit, der sich in meiner Gewohnheit, Gewand zu kaufen, statt wie im Mittelalter selbst herzustellen, manifestiert hat.

Stricken kann ich trotzdem: Meinen Söhnen habe ich je einen Pullover gestrickt, als sie Babys waren. Als Beweis, dass ich für sie alles, auch die verhasstesten Sachen tun würde. Die Pullis wurden übrigens superweich.
(Der Standard/rondo/21/10/1005)

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    foto: der standard
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