Wo wären wir ohne Bösewichter?

27. Oktober 2005, 22:53
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Kritker sollen ja böse sein, sonst sind sie nicht gut

Wo wären wir ohne Bösewichter? Eigentlich wollte ich über den bösen Asbest schreiben, genauer über die böse Asbest-Lüge, die von Leuten ausgestreut wird, um politisch unliebsame Gebäude zu eliminieren, aber dann hat G. beschlossen, dass wir alle miteinander in Kuba Weihnachten feiern. J. meint plötzlich, er wolle nicht zum bösen Fidel, das vertrage sich nicht mit seinem Weihnachtsglauben. Wir haben ja alle Oliver Stones "Comandante" gesehen, ein Lehrstück par excellence, wie gute Revoluzzer zu bösen Diktatoren metamorphosieren, und da muss ich mich doch an der eigenen Nase packen, hab ich doch neulich Böses über "skip.at" geschrieben, was total der Wahrheit entbehrte, was ich hier dringend widerrufe, weil sonst pflanzen die ein Cookie und ich darf nicht mehr auf meine Lieblings-Site. Kritiker sollen ja böse sein, sonst sind sie nicht gut, und die Kritiker der Kritiker müssen besonders böse sein. Überhaupt ist ja alles erst gut und dann böse. Kommunisten, Asbest und sexuelle Befreiung jedenfalls. Einmal Glücksmoment, dann Teufelswerk.

Was wird als Nächstes böse? Machen wir den Migranten-Test. Jetzt werd ich sofort zehn Mails von lieben Frauen mit schönen Doppelnamen bekommen, dass das MigrantInnen heißt, und dann schreibe ich zurück, dass ich auf Unterschieden bestehe, weil Migranten böse sind und Migrantinnen gut, weil die brechen aus bösen Ehen mit bösen Migranten aus.

Neulich waren wir im Legasthenie-Kurs und ich hab gedacht: Was für eine schlaue Erfindung, diese Legasthenie. Besorgt sie doch Frauen mit Doppelnamen Lohn, Brot und Aufmerksamkeit. Die Bücher, die die Legasthenie-Trainerin ausliegen hatte, waren von Frauen mit Doppelnamen geschrieben. Wo ist der Clou?, fragt man sich. Vielleicht verdoppelt sich beim Abschreiben eines Doppelnamens die Chance, einen Rechtschreibfehler zu machen, und so zum Kunden der Legasthenie-Trainerin zu werden? Diese heißt übrigens mit Vornamen Friederke, so stand auf dem Zettel, den sie uns aushändigte, und das kommt mir falsch vor. Das beruhigt mich wieder einmal total, dass sogar Frauen mit Doppelnamen Fehler machen.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/21/10/2005)

Zufallskolumne
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