Der ÖGB, Genosse Tycoon

9. November 2005, 10:14
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Die Gewerkschaft ver­fügt über ein ver­floch­tenes Unter­nehmens- und Immobil­ien­reich, dazu kommt noch die Privatstiftung der GPA - Beide Imperien sind intern umstritten

"Reich" ist der ÖGB nicht, im Gegenteil: Er hat mit Bilanzproblemen zu kämpfen. Der Grund dafür sind die Rücklagen für die Firmenpensionen, für die seit dem Jahr 2003 Rückstellungen aufgebaut werden müssen.

Ähnlich angespannt ist die Finanzlage der größten Teilgewerkschaft, der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA). Diese Schwierigkeiten ändern aber nichts daran, dass sowohl die Dachorganisation ÖGB als auch die GPA über große Firmenimperien verfügen.

  • Über das Firmenreich der Bawag ist der ÖGB an der Nationalbank beteiligt (daneben wie die Wirtschaftskammer direkt an der Nationalbank), über die Nationalbank an den Casinos Austria. Dank dieser Beteiligung ist der ÖGB auch Gesellschafter der Lotterien.

  • Das zweite Firmennetz befindet sich in der 100-prozentigen ÖGB-Tochterfirma ÖGB-Beteiligungsverwaltung. Diese verwaltet den Verlag des ÖGB, die Hotels Grimmingblick und Hafnersee, das Palaishotel Strudelhof in Wien, die Feriendörfer Maltschachersee und Ossiacher See.

    Der Verlag des ÖGB wurde in den letzten Jahren stark geschrumpft, er ist heute nur noch Dienstleistungsunternehmen für die Gewerkschaft - die eigene Druckerei Elbemühl wurde zunächst an die Pontes AG verkauft.

  • Die Pontes AG hielt bis vor Kurzem noch 45 Prozent an der Druckerei (die mit Leykam und Tusch zu Let's Print fusioniert wurde), nachdem viele Arbeitsplätze und viel Geld verloren gegangen waren, hat sich diese ÖGB-Firma nun vom Druckgeschäft getrennt, hat aber weiter den Pichler Medienvertrieb.

    Die wichtigste Beteiligung der Pontes AG ist aber die (im Wesentlichen für das AMS tätige) EDV Ges.m.b.H., die auch zwei Drittel der Anteile am Marktforschungsinstitut Ifes hält.

  • Mutter der Pontes AG ist die "Österreichische Gewerkschaftliche Solidarität Privatstiftung". Mit dieser Gründung entging der ÖGB im Jahr 2002 der Offenlegung seiner Finanzen, die nach dem neuen (schwarz-blauen) Vereinsrecht vorgeschrieben wäre. In dieser Stiftung liegt der Streikfonds der Gewerkschaft. Daneben verwaltet die Stiftung ein Immobilienimperium und ein Geflecht an Unternehmensbeteiligungen.

  • Fast gleichzeitig mit dem ÖGB gründete auch die GPA ihre GPA-Privatstiftung. Kostbarstes Asset ist die gemeinnützige Wohnbauvereinigung, die mit ihren 9600 Wohneinheiten (Wohnungen, Garagen, Geschäftslokale) einen geschätzten Verkehrswert von 400 Millionen Euro hat.

    Zum GPA-Immobilienbesitz zählen weiters der Gasometerturm B, der Büroturm Gasometer und die Gasometer-Mall. Nicht zuletzt gehört der GPA das neue GPA-Gebäude - in das eigentlich die fusionierte Großgewerkschaft aus GPA und Metallern einziehen sollte, das nun aber das bfi beherbergt.

Diese Fusion scheiterte - auch an der Kritik von Metallerchef Rudolf Nürnberger an der GPA-Privatstiftung. Die Gewerkschaft solle sich auf ihr "Kerngeschäft" konzentrieren, rüffelte damals auch ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch.

Kerngeschäft?

Gehören eine Bank, ein Immobiliengeflecht und Co zum Kerngeschäft der Gewerkschaft? - Darauf antwortet Verzetnitsch im STANDARD-Gespräch so: "Die Gewerkschaft macht keine Geschäfte, Geschäfte macht die Bawag.

Prinzipiell macht es für den ÖGB Sinn, wenn über die Bank für Arbeitnehmer gute Konditionen garantiert sind, etwa bei Krediten. Wir würden aber keine neue Bank mehr kaufen. Und auch die Wohnbaugesellschaften erfüllen ihre Funktion."

Drucker-Gewerkschaftschef Franz Bittner ist wesentlich kritischer: "Das Kerngeschäft des ÖGB ist die Interessenvertretung der Mitglieder. Alles andere ist zu überdenken. Unsere Druckereien etwa haben uns nichts genützt. Unabhängig vom aktuellen Fall macht die Bawag aber Sinn." (Eva Linsinger, Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2005)

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ÖGB
  • ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch studiert im Parlament die Berichte über die Bawag-Affäre.
    foto: der standard/matthias cremer

    ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch studiert im Parlament die Berichte über die Bawag-Affäre.

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