Bush sucht Nachfolger für Alan Greenspan

7. November 2005, 14:22
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Notenbankchef Greenspan scheidet Ende Jänner nach fast zwei Jahrzehnten aus - Nun sucht US-Präsident George W. Bush einen Nachfolger

Washington - Nach seinen Beschlüssen zur Neubesetzung des Obersten Gerichts hat US-Präsident George W. Bush über eine weitere Personalfrage von gewaltiger Tragweite zu entscheiden. Es geht um die Nachfolge von Notenbankchef Alan Greenspan, den viele wegen seiner Rolle als Steuermann der Geldpolitik und seinem damit verbundenen zentralen Einfluss auf die Wirtschaft der USA und der Welt für den zweitmächtigsten Mann der Vereinigten Staaten halten. Möglich ist, dass Bush seinen Kandidaten schon bald benennt. Zwar scheidet Greenspan erst am 31. Jänner aus. Doch der Nachfolger muss zuvor vom Senat bestätigt werden.

Über der Politik stehend

Zu der heiklen Kandidatensuche sagte Bush vor zwei Wochen, er wolle einen Chef der Fed, der "als Person gesehen wird, die über der Politik steht". Damit schien er signalisieren zu wollen, dass er einen Kandidaten von hoher Reputation in der Wirtschafts- und Finanzwelt sucht. Klar ist, dass in der kritischen Lage, in der sich die US-Wirtschaft angesichts des Energiepreisauftriebs, des aufgeheizten Immobilienmarkts und der Schäden durch den Hurrikan "Katrina" befindet, der Kandidat mit einem ökonomischen Sachverstand ausgestattet sein muss, der ihm Respekt weit über die Kreise der Washingtoner Politik hinaus verschafft.

Drei Namen wurden zuletzt in den US-Medien am häufigsten genannt: Bernard Bernanke, langjähriger Wirtschaftsprofessor in Princeton und seit einigen Monaten oberster Wirtschaftsberater im Weißen Haus, Glenn Hubbard, früherer Chef-Wirtschaftsberater Bushs und Dekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät an der Columbia-Universität in New York, sowie Martin Feldstein, Harvard-Professor und Berater des früheren Präsidenten Ronald Reagan.

Kandidaten und ihr Stellenwert

Dabei sehen manche den 52-jährigen Bernanke als Top-Favoriten. Die Spekulationen besagen, dass Bush sich ihn als Berater vor einigen Monaten zur Seite holte, um ihn bereits für den Posten des Fed-Chefs zu prüfen. Der 47-jährige Hubbard wiederum hat sich bei Bush beliebt gemacht, indem er zu Beginn von dessen Amtszeit mithalf, die Serie von Steuersenkungen durchzusetzen. Für Feldstein könnte indessen seine langjährige Rolle als Advokat einer angebotsorientierten - also auf Steuersenkungen setzenden - Wirtschaftspolitik sprechen. Andererseits überwarf sich Feldstein seinerzeit mit Reagan wegen der Höhe des Defizits, weshalb er nach wie vor Feinde in Bushs Republikanischer Partei hat. Und gegen den 66-Jährigen spricht auch, dass er im Vorstand des in einen Bilanzskandal verwickelten Versicherungskonzerns AIG sitzt.

Weitere in den Spekulationen auftauchende Namen sind: Lawrence Lindsey, ebenfalls ein Ex-Wirtschaftsberater Bushs, John Taylor, einflussreicher Stanford-Ökonom und früherer Finanz-Staatssekretär, Donald Kohn, seit 35 Jahren Mitglied der Fed und ein Vertrauer Greenspans, sowie der bisherige Fed-Vize Roger Ferguson.

Der künftige Kurs

Begleitet wird das Rätselraten um den Kandidaten von Spekulationen über den künftigen Kurs der Notenbank - Spekulationen, die durch die derzeitigen Inflationsrisiken zusätzlichen Auftrieb bekommen haben. Greenspan hatte sich während seiner 18 Jahre an der Spitze der Fed erfolgreich dagegen gesperrt, dem Vorbild anderer Notenbanken zu folgen und sich auf ein konkretes Ziel für die Inflationsrate zu verpflichten, das dann mittels der Zinspolitik anzupeilen wäre. Sein Argument war stets, dass dadurch der Handlungsspielraum der Fed zu sehr beschränkt würde. Bernanke etwa würde für einen Kurswechsel stehen, da er für ein Inflationsziel plädiert.

In jedem Fall wird es der neue Fed-Chef schwer haben, aus dem langen Schatten des Vorgängers zu treten. Greenspan hat sich den Status einer Legende erworben. Seine Bewunderer schreiben ihm die Verdienste zu, den Boom der 90er Jahre wesentlich mitbefördert und die Wirtschaft erfolgreich durch die Krise nach dem 11. September gesteuert zu haben. Doch hat der 79-Jährige auch seine Kritiker. So wird ihm vorgeworfen, zu tolerant gegenüber dem unter Bush angehäuften Defizit zu sein, und mit seinem Niedrigzinskurs zum gefährlichen Anschwellen der Immobilienblase beigetragen zu haben. Greenspan habe das "Biest gezüchtet", das der Nachfolger bekämpfen müsse, meint gar Stephanie Pomboy von der Wirtschaftsforschungsfirma MacroMavens in New York. (APA)

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    Notenbankchef Alan Greenspan scheidet Ende Jänner aus - seit geraumer Zeit betreibt Präsident Bush die heikle Kandidatensuche.

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