Komische Vögel

20. Oktober 2005, 19:20
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Es war vorgestern. Da hat B. wieder mal den wilden Mann raushängen lassen. Oder den Hardcoredarwinisten ...

Es war vorgestern. Da hat B. wieder mal den wilden Mann raushängen lassen. Oder den Hardcoredarwinisten. Oder den Superbiologisten. Oder den Ultranaturalisten. Oder wie auch immer solche Typen genannt werden. Auf alle Fälle hat B. damit ganz schrecklich genervt.

Irgendwer hat nämlich geniest ­ und gesagt, dass er eine Grippe in sich aufsteigen fühle. Und natürlich hat da wer anderer gleich den unvermeidlichen Witz gemacht und gefragt, wann der Nieser denn das letzte Mal Kontakt mit einem Vogel gehabt habe. Ungefähr eine Minute später waren dann alle blöden Wortspiele zum Thema durch, der Nieser hatte ein Taschentuch und ein Aspirin C – und trotzdem blieb das Thema.

Panikmache

Weil natürlich dann doch jeder über die Vogelgrippe reden musste. Und auch wenn man sich einig war, im Grunde ahnungslos zu sein, nicht zu wissen, was man von welcher Intensität der Stop-&-Go-Taktik der allgemeinen Panikmache halten solle, und sich deshalb nicht wirklich wohl zu fühlen, war das Thema irgendwann erschöpft. Bis B. loslegte.

B. gefällt sich nämlich in der Rolle des Unerbittlich-Ehrlichen. Als Kontrastprogramm zu unserem verwaschen-verweichlichten Weltbild. Als Kontrapunkt zu unserer technologie-, forschungs- und medizingläubigen Happy-End-Manie. Und mit dieser Einstellung hat B. sich schon in früheren Jahren hin und wieder unbeliebt gemacht. Etwa wenn er das Versklaven und Verschleppen von Frauen und Kindern nach irgendwelchen Beutezügen (inklusive dem Abschlachten der Männer) als etwas eben zu Akzeptierendes, quasi Gottgewolltes bezeichnete.

Degeneriertheit

B. also. B. stand auf. Das tut er immer, wenn er glaubt etwas wichtiges zu verkünden zu haben, und legte los. Er sprach von der Degeneriertheit des modernen Menschen. Von der Allergieanfälligkeit von zu reinlich gehaltenen Kindern. Von der Überbevölkerung des Planeten – und dem Hilfeschrei der Natur. Und die sei, erklärte B. – eben nicht grausam, sondern emotionslos-konsequent: Sie töte nicht willkürlich, sondern selektiere. Und wenn eine Spezies .sich überlebt habe, fett werde oder sonst wie ihre Grenzen erreicht habe ... und so weiter.

Wir saßen und schwiegen. Er möge, flehte irgendwann A. B. an, endlich zum Punkt kommen: Nach langen Jahren mit B. wissen wir, dass es sinnlos ist, ihn abzuwürgen. Er- ansonsten ein friedlicher und freundlicher Mensch - beginnt dann seinen Sermon eben eine halbe Stunde später nur noch einmal von vorne. Aber B. war ohnehin schon am Höhepunkt angekommen: Er referierte über die Grippe.

Reinigende Seuche

Genauer: über die, von vor 100 Jahren. Über ihre reinigende Kraft. Ihre Notwendigkeit. Und darüber, dass man eben über den Dingen stehen müsse, um das – jenseits all der kleinen, persönlichen Ängste und individuellen Befangenheiten - eben zu verstehen. Die Vogelgrippe, kam B. zum Schluss, sei daher etwas Natürliches. Etwa Logisches. Man müsse sie in Kauf nehmen. Und – auch wenn es hart klänge – eben akzeptieren, dass Gevatter Hein, der Schnitter, (B. liebt in solchen Phasen derartige Phrasen)l demnächst mit der großen Sense durch unsere Reihen schreiten würde. Und wer nicht zum Überleben geboren sei, werde eben abgeholt.

Er, B., sagte B., sei bereit. Und werde sich fügen. Ohne Angst. Ohne Jammern. Das sei eben Schicksal. Natur. Pur. Weiter kam er nicht: Alle fielen über ihn her. Zunächst verbal. Und dann auch – fast – tätlich: G., B.s Freundin, lehnte sich über den Tisch, hob B.s Tasche auf und leerte sie aus: Ein Berg von Vitaminpräparaten und Anti-Verkühlungspulvern, Grippaler-Infektprophylaktika und sonstiger Medikamente kullerte da aus einem Apothekensackerl. Was er jetzt zu sagen habe, fragt G. hämisch.

B. wurde rot. Er könne das erklären, stotterte er . Das Zeug sei für seine Nachbarin. Die habe eben Panik. Und sei auch sonst kränklich. Aber B. hatte verloren. Das wusste er. Er sagte, er müsse noch zu einem Termin – und ergriff die Flucht. Er nahm sich gerade noch die Zeit, seine Medikamente einzupacken.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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