Notenbank im Dilemma

21. November 2005, 14:08
1 Posting

Es sollte niemanden überraschen, wenn die EZB-Spitzen nun mit Zinserhöhungen drohen

Hohe Ölpreise bringen nicht nur Autofahrern viel Ungemach. Auch Währungshüter sind nach einem Ölschock mit einem schwierigen Dilemma konfrontiert: Die teure Energie heizt die Inflation an. Dagegen helfen höhere Zinsen. Aber sie bremst auch das Wirtschaftswachstum und hebt die Arbeitslosigkeit. Das ruft nach niedrigeren Zinsen. Was also ist zu tun?

In den USA hat das teure Öl das Wirtschaftswachstum bisher kaum getroffen, deshalb konnte die Federal Reserve die Zinsen anheben. Die Wirtschaft in der Eurozone aber lahmte bereits vor der Erdölverknappung in diesem Sommer. Der Europäischen Zentralbank (EZB) waren daher die Hände gebunden: Zwar steigen die Preise weitaus rascher, als es den vorsichtigen Zentralbankern lieb ist, eine Zinserhöhung könnte jedoch die fragile Erholung in Deutschland abwürgen. Es gibt in der Eurozone zwar eine gemeinsame Zentralbank, aber keine Geldpolitik, die allen Mitgliedstaaten passt.

Es sollte niemanden überraschen, wenn die EZB-Spitzen nun mit Zinserhöhungen drohen. Sie betrachten es als eine Frage der Glaubwürdigkeit, dass sie Inflationsraten über dem EZB-Zielkorridor von zwei Prozent nicht kommentarlos hinnehmen. Und dass die in den Neunzigerjahren schon für besiegt erklärte Inflation nun angesichts des chinesischen Rohstoffhungers zurückkehrt, ist ein Problem, das ernst genommen werden muss.

Dennoch wäre zu hoffen, dass sich die EZB für die gleiche Strategie des Nichtstuns entscheidet, die sie bereits perfektionierte, als alle Welt Zinssenkungen von ihr forderte. In einer wirtschaftlichen Lage wie heute gibt es kein ideales Zinsniveau. Aber eine Anhebung droht mehr Schaden anzurichten als ein paar Monate mit etwas höheren Inflationsraten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2005)

Von Eric Frey
Share if you care.