EZB packt die Zinsrute aus

7. November 2005, 14:20
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Vom Ölpreis getrieben stieg die Teuerungs­rate im September sprunghaft an. Die Währungshüter drohen mit höheren Zinsen

Wien/Frankfurt - Angeheizt von hohen Energiepreisen machte die Inflation in der EU ebenso wie in Österreich im September einen großen Sprung: In Österreich stieg sie von 1,9 Prozent im August auf 2,6 Prozent (nach EU-Index; 2,4 Prozent nach heimischen Kriterien) an, der höchste Stand seit Juli 2001. In den zwölf Ländern der Eurozone stieg die Teuerungsrate von August auf September um 0,4 Prozentpunkte auf 2,6 Prozent - im Vorjahr lag sie noch bei 2,1 Prozent. Nur geringfügig niedriger fiel die Inflationsrate mit 2,5 Prozent über alle 25 EU-Mitglieder gerechnet aus.

Der sprunghafte Inflationsanstieg rief umgehend die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) auf den Plan, die mit der Zinsrute drohten. Die EZB würde bei einem Übergreifen des hohen Ölpreises auf andere Preise entschieden handeln, erklärte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet prompt nach Bekanntgabe der jüngsten Daten.

"Werden handeln"

Auch der Chefvolkswirt der Zentralbank, Otmar Issing, machte klar, dass die Notenbank bei Hinweisen auf mittelfristig steigenden Preisdruck nicht zögern würde mit einer Zinserhöhung zu reagieren. "Wir werden handeln", denn "allein mit Drohen und Interpretieren ist es auf Dauer nicht getan", sagte Issing.

Vor allem ist die EZB besorgt, dass mit der wachsenden Inflation eine Phasen gedämpfter Lohnerhöhungen in Europa zu Ende gehen könnte. Erst vergangene Woche hatte die größte deutsche Gewerkschaft, IG Metall, ein Ende bescheidener Lohnabschlüsse gefordert. In Italien wie in Frankreich kam es zu Streiks aufgrund hoher Lohnforderungen. Dies würde sich wiederum unweigerlich auf die Preisentwicklung niederschlagen. Führende Vertreter der EZB hatten bereits klar gemacht, dass in diesem Fall die Sorge über die Konjunktur in den Hintergrund rücken und das Hauptaugenmerk der Inflationsbekämpfung gelten müsse.

Die Leitzinsen der Eurozone sind seit Juni 2003 unverändert auf dem historisch niedrigen Niveau von zwei Prozent. Bisher gingen Marktbeobachter von einer Änderung nicht vor Mitte 2006 aus.

Schuldig: der Ölpreis

Als Hauptschuldiger für die stark gewachsene Inflation gilt weiterhin der Ölpreis und die damit unmittelbar verbundenen Energiekosten. In Österreich haben Mineralölprodukte 0,95 Prozentpunkte zur Jahres-Inflationsrate von 2,4 Prozent (nach heimischen Kriterien) beigetragen. Auch im Monatsabstand waren es vor allem teure Treibstoffe, die für den Indexsprung sorgten: Benzin, Diesel und Heizöl, während der Index durch (saisonal) billigere Flugpauschalreisen deutlich entlastet wurde.

Von der Inflationsrate nach heimischen Kriterien erklären sich laut Statistik Austria allein zwei Drittel durch die Hauptgruppen Verkehr (plus 5,4 Prozent) sowie Wohnen, Wasser und Energie (plus 4,7 Prozent). Bei "Wohnen, Wasser und Energie" gab es starke Preissteigerungen bei den Betriebskosten für Wohnungen (plus 11 Prozent) und bei Haushaltsenergie (plus 10,4 Prozent). Preisrückgänge gegenüber dem Vorjahr gab es neuerlich in den Hauptgruppen Nachrichtenübermittlung (minus 10,6 Prozent) und bei "Freizeit und Kultur", die auch die Unterhaltungselektronik umfasst. (APA, spu, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.10.2005)

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