"Den Menschen die Würde wiedergeben"

6. November 2005, 14:27
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Russlands Orthodoxie im Spannungsfeld zwischen Individuum, Gesellschaft und Staat

Wien – Autoritäre Tendenzen im politischen System, starke staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft und soziale Differenzen kennzeichnen die Entwicklung in Russland. Wie verhält sich dabei die orthodoxe Kirche, die sich nach der Repression im Sowjetsystem wieder frei bewegen kann?

Ein Gespräch mit zwei führenden Vertretern des Bildungswesens der russischen Orthodoxie illustriert sowohl das innerkirchliche als auch das gesamtgesellschaftliche Spannungsfeld.

Archimandrit Ioann Ekonomzew ist Rektor der Russländischen Orthodoxen Universität zum hl. Johannes dem Theologen in Moskau, Priester Andrej Lorgus Dekan der Fakultät für Psychologie an ebendieser Universität. Beide nahmen dieser Tage in Wien an einer Konferenz der Stiftung Pro Oriente (gegründet 1964 von Kardinal Franz König) teil.

Der gesellschaftliche Einfluss der Kirche sei seit dem Zusammenbruch des Kommunismus stark gewachsen, sagt Ekonomzew. 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung erklärten sich als orthodoxe Gläubige. Auch Präsident Wladimir Putin nimmt es der Archimandrit ab, "dass er ein echter Christ geworden ist". Ob es mit christlichen Grundsätzen vereinbar ist, wenn Putin, wie im Fall der jüngsten Rebellenüberfälle in Naltschik, öffentlich den Befehl gibt, die Angreifer "auszulöschen"? Ekonomzew hat diese Aussage nicht gehört und will sie nicht kommentieren. Dass der Massenmörder Stalin von vielen Russen noch immer verehrt wird, führt Ekonomzew vor allem auf Stalins Rolle im Zweiten Weltkrieg zurück. Eine Rückkehr des totalitären Systems sei jedenfalls kaum denkbar.

Etwas differenzierter sieht das Dekan Lorgus. "Eine solche Gefahr besteht", meint er auf die Frage nach autoritären Tendenzen im heutigen Russland: "Es ist die Pflicht der Kirche, dagegen aufzutreten. Wir müssen den Primat des Menschen vor dem der Gesellschaft stärken, wir müssen dem Menschen seine Würde wiedergeben." Eine radikale Wende der Orthodoxie, in der die Gemeinschaft stets mehr galt als der Einzelne? Es sei zwar eine Veränderung gegenüber der Praxis der letzten zwei Jahrhunderte, aber keine gegenüber dem ursprünglichen Menschen- und Weltbild seiner Kirche, antwortet Lorgus.

Eine "orange Revolution" wie in der Ukraine schließt Lorgus aus, vor allem mit Blick auf Geschichte und Tradition: "In Russland kommen Veränderungen einzig und allein von oben." In Zukunft werde der Wandel eher von den Eliten in der Wirtschaft als von der Politik ausgehen.

Die Frage nach dem kulturellen Platz Russlands beantwortet Lorgus unzweideutig: "Russland ist nicht Europa, es ist eine eigene Welt." Kann es also nie eine Demokratie nach westlichem Verständnis werden? "Durchaus. Aber die Wege dorthin werden ganz anders sein als in Europa."

Was das zuletzt gespannte Verhältnis zwischen Orthodoxie und katholischer Kirche betrifft, so sieht Archimandrit Ioann mit der Wahl Papst Benedikt XVI. neue Chancen: "Ich hoffe sehr auf eine ernsthafte Verbesserung der Beziehungen. Es gibt da Möglichkeiten." Auch die Frage eines Papstbesuches in Russland werde gelöst werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2005)

von Josef Kirchengast
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