Perestroika-Vordenker Alexander Jakowlew gestorben

6. November 2005, 14:27
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Ex-Politbüromitglied wurde 81 Jahre alt - Gorbatschow und Schewardnadse würdigen Verstorbenen

Moskau - Das frühere sowjetische Politbüromitglied Alexander Jakowlew, der Vordenker der Perestroika (Umgestaltung), ist am Dienstag in Moskau im Alter von 81 Jahren gestorben. Gemeinsam mit Generalsekretär Michail Gorbatschow leitete Jakowlew ab 1986 die ideologische Öffnung der Sowjetunion ein, die schließlich zum Zerfall des kommunistischen Imperiums führte. Jakowlew sei nach langer, schwerer Krankheit gestorben, teilte die von ihm gegründete Stiftung "Demokratie" in Moskau mit.

"Das ist ein schwerer Verlust für alle, die ihr Leben mit dem Kampf für die Freiheit und Demokratie verbunden haben", sagte Gorbatschow zum Tod seines Weggefährten. Auch der georgische Ex- Präsident Eduard Schewardnadse, als sowjetischer Außenminister der dritte wichtige Politiker der "Perestroika"-Zeit, gab der Trauer um Jakowlew Ausdruck. Der ehemalige kommunistische Chefideologe Jakowlew bekleidete in Russland zuletzt nur noch ein Amt, das er als eine Art Buße für die Sünden der Vergangenheit sah. Er leitet die staatliche Kommission zur Rehabilitierung von Opfern der sowjetischen Willkürherrschaft. "Was nach dem Oktober 1917 geschehen ist, stellt ein unfassliches Drama des Landes, seiner Völker und der einzelnen Menschen dar", schrieb er in seiner Autobiografie "Die Abgründe meines Jahrhunderts".

Jakowlew wurde 1923 in einer Bauernfamilie bei Jaroslawl nördlich von Moskau geboren, kämpfte im Zweiten Weltkrieg und studierte nach einer schweren Verletzung 1943 Pädagogik und Geschichte. Ab 1953 machte der brillante Denker im Apparat des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in Moskau Karriere, wobei er mit seiner Flexibilität mehrfach bei starren Ideologen aneckte.

"Im Großen und Ganzen hat mich der Marxismus kaum interessiert" - eine erstaunliche Feststellung für einen Funktionär, der 1986 zum ZK- Sekretär für Propaganda aufstieg. Jakowlew wurde zum Mitstreiter Gorbatschows, mit dem er damals die Hoffnung auf eine Erneuerung des sowjetischen Systems teilte. "Mr. Glasnost", wie Jakowlew im Westen genannt wurde, ließ eine neue Rede- und Meinungsfreiheit zu. Erstes Licht fiel auf die dunklen Flecken der sowjetischen Vergangenheit.

Als ihm aber die Reformen des vorsichtigen Taktikers Gorbatschow zu langsam vorangingen, trat Jakowlew 1991 aus der Kommunistischen Partei aus - kurz vor dem vergeblichen August-Putsch konservativer Kräfte. Im unabhängigen Russland betraute Präsident Boris Jelzin ihn 1993 bis 1995 mit der Leitung des Fernsehsenders ORT. Jakowlew habe "viel zum Aufbau der Demokratie im modernen Russland beigetragen", erklärte Jelzin am Dienstag.

In den letzten Jahren wurde es stiller um Jakowlew, weil die Aufarbeitung der verbrecherischen Sowjet-Vergangenheit nicht zum neuen Nationalstolz Ruslands unter Präsident Wladimir Putin passt. Die russische Gesellschaft verspüre "in ihrer überwiegenden Mehrheit kein Bedürfnis nach Reue und Buße mehr", fasste Jakowlew bedauernd zusammen. (APA/dpa)

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