Sterben am Sprengstoffgürtel

28. März 2006, 11:28
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23-Jährige schildert Attentäter-Tragödien

Zum Zeitpunkt der Recherchen ist die Autorin Julia Jusik gerade einmal 23 - genau so alt wie Sarema Muschachojewa, als sie zum zweiten Mal per Sprengstoffgürtel sterben soll.

Sarema ist keineswegs eine Ausnahme in der Liste der "Schwarzen Witwen". 16 und 17 sind die zwei Mädchen, die mit einem Lastwagen voller Sprengstoff den Anfang der Schahidinnen, der "Gefallenen im Kampf für Allah", bilden, 19 eine Tschetschenin, die sich im berühmten Musicaltheater Nord-Ost in Moskau in die Luft sprengt. Die Frage, die die Schriftstellerin am meisten beschäftigt, ist das Rätsel um deren Identität: Wer waren diese Frauen, und was für ein Leben mussten sie gelebt haben, um sich zu solch einem Ende hinreißen zu lassen?

Jusik ist es wichtig, jede einzelne der 40 angeführten Attentäterinnen beim Namen zu nennen und die persönliche Lebensgeschichte zu erzählen. Das wiederum stößt auf Kritik: Warum für diejenigen Mitleid wecken, die Unschuldige töten? Weil es keine willenlosen Kamikaze-Roboter sind, meint Jusik, die andere Zivilisten mit in den Tod reißen, sondern Frauen, denen sogar die letzte Entscheidung ihres Lebens von den Terroristen abgenommen wird: das Auslösen des Sprengmechanismus.

Die Anschläge sind schonungslos detailliert beschrieben, die Tragödien merkwürdig rührend und als beinahe schon ein Stück russischer Kulturgeschichte in Sachen Kritizismus gegenüber den Medien belehrend.

Was fehlt, sind die Aussagen derer, deren Angehörige bei den Attentaten getötet wurden. So bleibt der Anschein, nur Mitleid für die Täterinnen erwecken zu wollen. Ein Buch für starke Nerven, das zum Nachdenken anregt. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2005)

Von Sophie Langer (16)

Buch

Julia Jusik: "Die Bräute Allahs", NP Buchverlag, 17,90 €

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