Massenhaft Morde an Individuen

6. Juni 2006, 11:11
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Gelungene Volkstheater-Produktion macht den Schrecken vom Spiegelgrund fassbar

Wien - "Das innerste Wesen dieser Demokratie ist das Schweigen. Und wer es bricht, macht sich strafbar." So die Worte, die Heinrich Gross in "Spiegelgrund" in den Mund gelegt werden. Die Wegschau-Philosophie der österreichischen Gesellschaft ermöglichte es ihm, eine steile Karriere in der zweiten Republik hinzulegen und Gerichtsverfahren zu entkommen.

Dank sei denen, die den Mund trotzdem aufmachen und riskieren, "gestraft" zu werden. Die Produktion "Spiegelgrund" - derzeit im Volkstheater zu sehen - mag historisch nicht ganz korrekt sein und dramaturgisch gewöhnungsbedürftig erscheinen: aus menschlicher Sicht ist sie unglaublich wertvoll. In einer Zeit, in der uns sämtliche Informationen im Handumdrehen zur Verfügung stehen und wir uns in Statistiken baden, neigen wir dazu, den einzelnen Menschen zu vergessen. Was "Spiegelgrund" zeigt, ist nicht der Mord an einer Masse, sondern massenhafte Morde an Individuen. Die Schwierigkeit, Millionen Einzelschicksale zu sehen, wird hier durch den Einsatz simpler Mittel erleichtert. Wenn Franz von seinen Zukunftsträumen spricht oder Anna über ein Puppenhaus und dann Gross in selbstverliebtem Ton neu ausgedachte Quälereien für die Kinder erläutert, läuft es einem kalt über den Rücken. Von Leuten, die während solcher Szenen den Saal verlassen, fühlt man sich persönlich beleidigt. Ein bisschen geniert man sich sogar für sie. Vor allem, wenn es sich um vier Jugendliche eine Reihe vor einem selbst handelt.

Dass die vier eine Ausnahme bilden, wird erst nach der Vorstellung beim Publikumsgespräch in der "Roten Bar" klar. In zwei Dingen sind sich alle einig: Die Inszenierung war extrem, aber gut. "Dadurch, dass die Charaktere extremer herausgearbeitet wurden, konnte der Schrecken vom Spiegelgrund für die heutige Gesellschaft fassbar gemacht werden", meint Robert Kalcik (17). "Es war heftig, ich bin ziemlich mitgenommen", sagt Leopold Singh (21). Auch Hannah Heibl (17) ist überzeugt, dass es Leute geben muss, die auf das, was damals passiert ist, hinweisen: "Das darf kein Ende haben." Friedrich Zawrel (76), der selbst als 14-Jähriger am Spiegelgrund gelitten hat und auf dessen Lebensgeschichte das Theaterstück aufbaut, macht Mut: "Und wenn nur 100 Zuschauer nach dem Stück mit dem Vorsatz hinausgehen, zu verhindern, dass etwas Derartiges wieder passiert, dann hat das Stück seine Wirkung gezeigt." (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2005)

Von Julia Wurm (18) und Teresa Ott (15)

Termine:

25. 10. und 27. 10. mit Publikumsgespräch und am 28. 10. um 19.30.

Link

www.volkstheater.at

Buchtipp:

"In den Fängen des Dr. Gross" von Lehmann/Schmidt, Czernin-Verlag

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