Der Autotester

18. Oktober 2005, 19:39
15 Postings

Wir hatten uns verschätzt: N. hatte beschlossen, die Luxuskutsche voll auszufahren. Wirklich voll...

Es war nach dem Essen im Möbelhaus. Also etliche Wochen her. Und ganz abgesehen davon, dass es ein komisches Feeling ist, da draußen am Stadtrand um zehn in der Nacht in einer Musterküchelandschaft zu kochen und zu essen, stellte sich eben die Frage des Wiedernachhausekommens.

Sicher: Wir hätten selbst fahren können. Aber gerade, wenn es ums Gruppenkochen und –essen geht, ist das Autofahren danach dann halt eher weniger lustig. Bloß: Ich hatte vergessen, dass die Badener Bahn ein superödes Verkehrsmittel ist.

Nüchtern

Jedenfalls stand dann N. mit seinem Auto auf dem Personalparkplatz. N. war nüchtern. Er könne, hatte er gesagt, sich nicht erlauben, den Führerschein zu verlieren: N. ist Autotester. Für eine Zeitung.

Wer je mit Autotestern zu tun hatte, weiß, was das bedeutet: Leute wie N. haben immer die ultimativen Wägen zur Verfügung – für jeden Anlass: Umzug? Skitrip fürs Wochenende? Stadtrundfahrt im Stau? Fahrt ins Nobelrestaurant? Zum Schickimicki-Hasenschauen an den Geldadelstrand? Ins Gelände? Der passende Wagen ist stets zur Hand. Vollgetankt. Plus Benzingeldersatz. Und mit dem Pouvoir, Falschparkstrafmandate abzusetzen (sagt N.).

N. hatte für den Möbelhauskochevent einen Testwagen, der in etwa das doppelte Brutto-Jahreseinkommen von ihm, A. und mir kostet. Inklusive Zusatzzahlungen – exklusive Sonderausstattung. N. hatte CDs gekauft.

Autoerotik

Es ist nicht so, dass mich Preisschilder an oder technische Spezifika von Autos sexuell oder sonst wie stimulieren würden. Aber ein bisserl ein anderes Sitzgefühl war es dann doch. Dann fuhr N. los.

Auf dem Parkplatz dachten wir, dass N. einfach den Platz ausnutze, um einmal aufs Gas zu steigen. Und ein bisserl Elchtest-Schaukeln auf einem leeren, fast flugplatzgroßen Areal tut auch nicht weh. Aber wir hatten uns verschätzt: N. hatte beschlossen, die Luxuskutsche voll auszufahren. Wirklich voll.

Blindflug

Als wir mit 170 km/h die erste Runde absolviert hatten - und Einkaufswägen und Fahrschüler zu Tode erschreckt hatten - beschloss N., die zweite Runde mit Licht zu fahren. (Wir bemerkten das, weil es plötzlich hell wurde.) Für die bessere Sicht belohnte er sich mit einem beherzten Tritt aufs Gas – und einem Rennfahrer-Spurwechselschlenker: Im Schnellrestaurant ließ irgendwer sein Tablett fallen.

N. entschied sich in allerletzter Sekunde, die Kurve für die kürzere Strecke zur Ausfahrt zu nehmen: Die Außenwand des Vorderreifens winselte den Bordstein entlang und Rammstein waren kurz nicht mehr zu hören. Der Wagen versuchte, auszubrechen - mein Flehen, aussteigen zu dürfen, ging unter.

Straßenlage

Außerdem waren wir da bereits auf der Brücke über die Umfahrungsschleife – und N. versuchte, den Wagen zum Schaukeln zu bringen. Dabei schimpfte er über Stabilität und Straßenlage: Läge die Luxuskarosse gut, erklärte er, während er wild gegen- und querlenkte und der Wagen bei der Abzweigung auf die Abfahrt von der Brücke auf die Bundesstraße die Leitplanke um Fingerbreite verfehlte, wäre da jetzt eine ganze Handbreit Spielraum gewesen: Er frage sich, brüllte N. lachend über die Musik, wer bereit sei, für so ein halbherziges Fahrzeug so viel Geld hinzulegen.

Der Weg bis zur Stadtgrenze verlief harmlos. Wenn man davon absieht, dass N. jeden tiefer gelegten Testosterontransporter herausforderte. Um diese Zeit ist hier jeder dritte Wagen tiefer gelegt. N. gewann immer. Manchmal zwang er die GTI-Buben durch seine Bremsmanöver, ihre Bremsen voll auszutesten. Ein Feind drehte sich. Ein anderer wich in letzter Sekunde über die doppelte Sperrlinie aus – N. lachte sich halb tot.

Streckenkenner

Eines muss man N. lassen: Er kannte die Strecke. Überall dort, wo fix installierte Radarboxen stehen, bremste er so heftig, dass ich den Gurt noch eine Stunde später spürte. Und dort, wo die Messung zu Ende war – er wisse, röhrte N., genau, wo das ist – zeigte er, was ein G-Force-Beschleunigungstest ist. Oder sein sollte: Der Wagen, schimpfte er, sei lahm.

Drei Beinahe-Kollisionen (Hydranten, geparkter LKW, Leitplanke) später durften wir aussteigen. Eigentlich, sagt N., hätte er uns jetzt noch auf eine Gürtel-Schleife mitnehmen wollen. Ob es uns Spaß gemacht habe? Ich wischte mir den Schweiß von den Handflächen in die Hose, murmelte Unverbindliches und reichte N. die Hand. Der sah mich väterlich an: Ich sähe krank aus. Und fühle mich auch so kalt an – ob ich mir etwas eingefangen habe?

Testbericht

Eine Woche später las ich dann den Testbericht: Der Wagen sei eine gediegene Familienkutsche für wohlhabende Rentner stand da. Älteren Herrschaften würde sie verlässliche Dienste erweisen, aber schon bei heute lockeren Beschleunigungsvorgängen zum regulären Überholen ende das Glück. Ich beschloss, nie wieder etwas gegen die Badener Bahn zu sagen.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

    Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

    Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

Share if you care.