Entscheidungen über Normalität

17. Oktober 2005, 20:13
2 Postings

Internationale Wissenschafter erörterten in Graz die Auswirkungen von Pränataldiagnostik auf die Gesellschaft und das Individuum

Was ist normal? Wer sollte das entscheiden? Internationale Wissenschafter erörterten in Graz die Auswirkungen von Pränataldiagnostik auf die Gesellschaft und das Individuum.


Graz - Die Zeiten, in denen Schwangere nicht wussten, ob sie weibliche Zwillinge oder einen Sohn zur Welt bringen würden, sind vorbei. Wer etwa in Österreich das Geschlecht seines Kindes heute nicht kennen will, muss beim Ultraschall wegsehen. Ansonsten kann man aber rein technisch gesehen beinah alles über Gene und künftige Risiken seines Sprösslings erfahren, nicht allen Menschen hilft das.

Ultraschall und Bluttests lösen immer mehr die gefährlicheren invasiven Untersuchungen - wie Fruchtwasserpunktionen - ab. Während aber Untersuchungstechniken perfektioniert wurden, gibt es immer weniger Beratungen für Schwangere, die - oft nur anhand von errechneten Risiken - allein über Leben und Tod entscheiden sollen. Das Interuniversitäre Forschungszentrum für Technik, Arbeit und Kultur (IFZ) in Graz beschäftigt sich in einem Forschungsprojekt mit der Frage, warum Frauen glauben, eine alleinverantwortlich autonome Entscheidung treffen zu müssen, obwohl ein ganzes Netzwerk an Akteuren Pränataldiagnostik möglich macht.

Bei einem internationalen Symposium des IFZ zur "Individualisierung und Verantwortung in der Pränataldiagnostik" trafen sich am Wochenende Bioethiker, Philosophen, Theologen und Soziologen in Graz, um ethische, ökonomische und politische Hintergründe zu erörtern.

Druck auf Frauen

"Sich nicht zu entscheiden ist keine Option mehr", bringt Sue M. Cox von der University of British Columbia in Vancouver den Druck, unter dem Frauen stehen, auf den Punkt. "Aber wer entscheidet, welches Leben es wert ist, gelebt zu werden, und was genetisch normal ist?" Cox arbeitet gegenwärtig an einem Projekt über Präimplantationsdiagnostik (PID). Bei dieser werden Embryos im Reagenzglas auf ihre Erbanlagen untersucht, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt werden. In Österreich wurde PID im September aus dem Gesetzesentwurf für eine Gentechniknovelle gestrichen.

Louise Locock von der Oxford University untersuchte die selten beachtete Rolle der Männer in der Pränataldiagnostik, und kam zu dem Schluss, dass diese systematisch ausgeschlossen werden: "Sie werden zwar ermutigt, an Schwangerschaft und Geburt zu partizipieren, aber gleichzeitig wird ihnen zu verstehen gegeben, dass sie Außenseiter sind." So waren manche Väter, die Locock interviewte, mit der Parkplatzsuche beschäftigt, während man bereits den Ultraschall vornahm. Schafften sie es aber pünktlich ins Behandlungszimmer, gab es keinen Stuhl für sie.

Anfang 2006 erscheint eine Nachlese zum Symposium. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10. 2005)

Von Colette M. Schmidt

Links

gen-au
Genomforschung in Österreich

IFZ
  • Bei der PID werden Embryos im Reagenzglas auf ihre Erbanlagen untersucht, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt werden.
    foto: standard

    Bei der PID werden Embryos im Reagenzglas auf ihre Erbanlagen untersucht, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt werden.

Share if you care.