Ein politischer Preis

21. November 2005, 14:08
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Johanna Ruzicka über die längst fällige Zuckermarktreform, bei der auch die labile politische und wirtschaftspolitische Situation in den Entwicklungsländer beachtet werden muss

Der Aufschrei der Zucker exportierenden Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifiks (AKP-Staaten) ist verständlich: Jahrzehntelang kamen sie als EU-Partner in den Genuss der subventionierten Preise, die auch europäische Zuckerrübenbauern erhielten. Es war dies eine vernünftige Form von Hilfe, die auf "trade instead of aid" - Handel statt Entwicklungshilfe - setzte und damit sehr erfolgreich war.

Wenn nun die europäische Zuckerrübenproduktion - auch auf Druck der Welthandelsorganisation WTO - auf ein Maß zurückgestutzt wird, das einerseits den EU-Steuerzahler weniger Geld kostet und andererseits keine (europäischen) Überschüsse hervorbringt, ist dies ein für das reiche Europa längst fälliger Schritt.

Im Auge zu behalten haben Brüssels Agrarpolitiker allerdings, dass eine solche Reform direkte Auswirkungen auf die sehr labile politische und wirtschaftspolitische Situation in den AKP-Staaten hat, deren Wirtschaft in hohem Maß vom Zuckerrohr abhängt. Und auch, dass viele arme Länder, die nicht zu den AKP-Staaten gehören, im Rahmen des künftigen "Everything But Arms"-Abkommens ebenfalls Zucker nach Europa liefern werden wollen, sodass es über Quoten zu einem Verdrängungswettbewerb kommen könnte.

Ein Dumping-Wettbewerb, der die weniger armen Zuckerrohr produzierenden Staaten gegen die ganz armen Zuckerrohr produzierenden Staaten ausspielt, wäre jedoch ein falscher Weg.

Da sich der alte Kontinent von seiner Zuckerrüben-Produktion aus politischen Gründen nicht verabschieden will oder kann (und damit den Weg für die Zuckerrohr-Produzenten dieser Welt freimachte), wird Europa weiterhin einen "politischen" Preis zahlen müssen. Und dieser Preis darf sich nicht am Bestbieterprinzip orientieren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10.2005)

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