Schwangerschaftspsychose

23. Dezember 2005, 15:21
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Karl-Heinz Grassers Schwangerschafts- gymnastik zwischen Wien und Capri, zwischen dem Scherbenhaufen ...

Ungefähr ein Jahr lang muss der Finanzminister seine Gravidität noch kultivieren, damit die Zweifel an seiner budgetären Gebärfähigkeit soweit in den Hintergrund gedrängt werden, wie sich das ein Bundeskanzler im Wahlkampf wünschen muss. Karl-Heinz Grassers Schwangerschaftsgymnastik zwischen Wien und Capri, zwischen dem Scherbenhaufen im ÖVP-Vorstand und der Glitzerwelt der Kristallerbin, zwischen "NEWS" und "Kronen Zeitung" wird inzwischen sogar von letzterer, die ihn stets wie den Sohn behandelte, der Cato nicht beschert war, eher als schwieriger Spagat zwischen Politik, Parkett und Privatleben empfunden denn als fellneristische Einmischung in eine öffentliche Privatsphäre, das heißt, ohne bei mir oder bei Fiona zu recherchieren.

Nein, opulente Selbstdarstellung und medialer Offensivdrang sind seine Sache nicht. Sagt er. Sagt "NEWS". Und einiges mehr. Ein Land, zwei brennende Fragen: Ja traut er sich denn wirklich? Und - ist da womöglich etwas, was ihm das Glück in absehbarer Zukunft in die Wiege legt? Was sollen die Fragen, wo "NEWS" doch sich und seinen Lesern in seriöser Recherche längst Gewissheit verschafft hat: Das Ergebnis der Tests ist ebenso erfreulich wie eindeutig: Die Untersuchungen bestätigen das problemlose Frühstadium einer Schwangerschaft und deuten auf keinerlei Komplikationen hin. Professor Huber, Hausarzt des Magazins, riet diesmal zu einer Fruchtwasseranalyse und einer speziellen Ultraschalluntersuchung.

Sanft umfasst KHG Fionas Bauch: Zwei Hände, die das Glück beschützen, was "NEWS" sogar bildlich belegen konnte. Aber zwei brennende Fragen und zwei Hände, die das Glück beschützen ließen der "Krone" keine Ruhe. Man beorderte den Wöchner in spe in die Ordination Dr. Bischofberger zu einer gründlichen Durchleuchtung, deren längst nicht eindeutiges Ergebnis Sonntag auf Seite 1 groß angekündigt wurde: Die Wahrheit über die Vogelgrippe - Wird der Finanzminister Vater?

Auch das Interview im Blattinneren begann zwiespältig. Herr Minister, wie geht es Ihnen heute Morgen? Für seinen Zustand schien die Antwort zunächst beruhigend: Sehr geht, denn ich bin rundum glücklich. Aber gleich nach der nächsten Frage ging es dem Glücklichen weniger rundum. Haben Sie sich geärgert, dass das Magazin "News" . . . Die Spezialistin für kleinformatige Mäeutik konnte gar nicht ausreden, schon trübte sich das Ministerglück ein. Sehr! ächzte er, ehe sie ihm den anderen Grund für seinen Ärger nennen konnte: ... den Termin Ihrer geheimen Hochzeit herausgefunden und veröffentlich hat?

Der Ärger des Ministers war verständlich, musste er er doch einräumen, dass "NEWS" wieder einmal besser informiert war als er: Wir wissen ja nicht, ob dieser Termin stimmt oder nicht. Man sollte Leute in anderen Umständen nicht solchen Aufregungen aussetzen, aber Frau Bischofberger blieb unerbittlich: Sie werden es wohl wissen. Woraufhin Grasser trotzig erklärte: Ich will es aber nicht kommentieren, so als käme es nur auf Worte an und wären seine einschlägigen, fotografisch festgehaltenen Handlungen keinerlei Kommentar, sondern ein einziger Schrei: Privatsphäre soll privat bleiben, das muss auch für einen Politiker gelten.

Dabei ist das nicht leicht, wenn man Grassers Verständnis von der Rolle des Politikers hat. Ihm ist natürlich vollkommen klar, dass ich bei den Salzburger Festspielen oder in Mailand, wo Fiona unlängst ihre neue Modekollektion vorgestellt hat, in der Öffentlichkeit stehe. Da treten wir beide auch offiziell gemeinsam auf und stellen uns für Fotos zur Verfügung. Weil das eben zu unserem Job und unserem Leben gehört.

Wer hätte gedacht, dass es zum Job eines österreichischen Finanzministers gehört, bei der Vorstellung einer Modekollektion in Mailand offiziell aufzutreten und für Fotos zur Verfügung zu stehen? Da darf man sich nicht wundern, wenn Journalisten, die nicht ahnen können, wie sich Mitglieder der Regierung Schüssel sogar im Ausland für die Bürger und Steuerzahler dieses Landes zerreißen, private und öffentliche Sphäre gelegentlich durcheinander bringen und von der Frage, was ein Minister am Laufsteg verloren hat, zur nächsten kommen: Werden Sie Vater, Herr Grasser?

Da die "Krone" nicht über die gynäkologischen Bulletins von "NEWS" verfügte, musste sie sich an jene des medial Geschwängerten halten, und der gab sich auf die Frage Heißt das, es stimmt nicht? kryptisch: Das heißt, dass es frei erfunden ist! Damit konnte er Frau Bischofbergers Verdacht, "NEWS" könnte doch nicht nur exklusiv, sondern gut erfunden haben, nicht zerstreuen. Tatsächlich kann ein Mann aber keine Schwangerschaft dementieren, behauptete sie etwas naiv. Das kann nur ein Mensch, und das ist Ihre Freundin.

Dankbar griff Grasser die Beihilfe auf, das Thema bis zu den Wahlen warm zu halten. Das ist prinzipiell richtig. Aber als Mann weiß man so was schon auch . . . Jedenfalls besser als "News". Aber nicht so exklusiv. (DER STANDARD; Printausgabe, 18.10.2005)

Von Günter Traxler
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