"EU-Zuckermarktreform bedroht unsere Entwicklung"

7. November 2005, 14:22
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Die tiefen Einschnitte, die die EU in Sachen Zucker plant, werden von einigen Staaten der Dritten Welt als nicht machbar abgelehnt - Ein Lokalaugenschein auf Mauritius

Port Louis - "Das Zuckerrohr ist das Rückgrat unserer Wirtschaft", sagt Arvin Boolell, Landwirtschaftsminister von Mauritius. "Mit dieser Reform werden arme Länder gegen arme Länder ausgespielt."

Boolell ist der Sprecher der 18 Staaten, die als AKP-Gruppe (Afrika, Karibik, Pazifik) seit den 70er-Jahren einen "bevorzugten" Zugang zum europäischen Zuckermarkt haben und insgesamt 1,3 Mio. Tonnen Rohzucker im Jahr zu den Konditionen nach Europa liefern dürfen, den auch europäische Bauern erhalten. Von dem im Rahmen der EU-Zuckermarktreform vorgeschlagenen Preisschnitt von 39 Prozent sind deshalb auch Länder wie etwa Mauritius, Swaziland oder Fidji - die größten Zuckerexporteure innerhalb der Gruppe - betroffen.

Die Argumentation, mit der Boolell gegen das Reformpaket spricht, ähnelt den Einwänden europäischer Rübenbauernvertreter: Die zu hohen Preisreduktionen seien für die AKP-Staaten ruinös. Nur Länder wie Brasilien, Australien und Thailand, die über die entsprechend günstigen "economies of scale" verfügen, würden dabei wettbewerbsfähig bleiben.

"Längere Übergangsfristen"

"Wir brauchen längere Übergangsfristen", sagt Boolell im STANDARD-Gespräch. Er spricht sich für ein Auslaufen des derzeitigen Zuckerprotokolls für die AKP-Staaten mit der EU erst 2010 oder 2011 aus oder plädiert für eine geringere Preisreduktion.

Kleine Entwicklungsländer wie Mauritius hätten nämlich eine Reihe externer Schocks wegzustecken gehabt: Neben den hohen Ölpreisen mit negativen Auswirkungen auf Tourismus und Transportkosten hatte Mauritius einen Einbruch der Textil- und Bekleidungsindustrie zu verkraften.

Diese ist mit der Liberalisierung des Textilhandels zum heurigen Jahreswechsel nach China und Indien weitergewandert. Nicht unbedingt weil die Lohnkosten in Mauritius zu hoch gewesen wären, sondern weil es bei den großen Handelsketten einen Trend dazu gebe, Produktion und Einkauf zu bündeln.

Explosive Situation

Mauritius' Premierminister Navinchandra Ramgoolam bezeichnet die Situation deshalb als "explosiv"; die Arbeitslosenzahlen seien steigend. "Man verlangt von uns, dass wir uns entschulden", sagt er zum STANDARD, "und nimmt uns die Grundlage dafür, eigenes Geld zu verdienen. Damit nimmt man uns die Möglichkeit für eine eigenständige Entwicklung."

Die von der EU bewilligte Entschädigung über rund 40 Mio. Euro für alle AKP-Staaten, mit der sie Diversifikation in andere Märkte und/oder andere Bereiche finanzieren sollen, sei bei Weitem nicht genug, so Boolell. Ein Preisschnitt von 39 Prozent würde für die Länder Einkommensverluste von über 500 Mio. Euro pro Jahr bedeuten. EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer-Boel hatte diesen Vorhaltungen bereits entgegengehalten, dass die Lieferanten von Zucker auch nach der Reform verglichen mit dem Weltmarkt rund das Doppelte bezahlt bekommen.

Diversifikation

Eine Diversifikation der Landwirtschaft weg von Zuckerrohr-Monokultur hat sich bei vielen AKP-Staaten, so auch bei Mauritius, allerdings als schwierig erwiesen. Nur Zuckerrohr eigne sich auf der regelmäßig von Wirbelstürmen heimgesuchten Insel für Anbau in großem Stil. "Unsere Stürme sind stärker als Katrina", sagt Ramgoolam.

Teilweise mit EU-Förderungen wird nun versucht, Teile des Zuckerrohrs, und zwar Biomasse und die bei der Zuckergewinnung anfallende Molasse, verstärkt für Energiegewinnung, und zwar Elektrizität und Ethanol zu nutzen, um so von Energieimporten unabhängiger zu werden. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10.2005)

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    Plädiert für einen weiterhin bevorzugten Zugang zum EU-Markt: Arvin Boolell, Agrarminister von Mauritius.

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