Refco-Skandal wird für Bawag zur Zitterpartie

9. November 2005, 10:13
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Die Gewerkschaftsbank Bawag P.S.K. hat dem krisengeschüttelten Brokerhaus Refco 425 Millionen Euro geliehen - Bawag-Chef Zwettlers Position wackelt

Sonntagabend gönnte sich Günter Weninger, Aufsichtsratspräsident der Bawag P.S.K., ein wenig Ablenkung: im Volkstheater, bei der Premiere von Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand".

Von Ruhe kann der Finanzchef des ÖGB (dem die Bawagn P.S.K. zu hundert Prozent gehört) ansonsten nur träumen. Die Bank, die immer wieder ein Händchen für riskante Geschäfte beweist, ist in die Bilanzaffäre des weltgrößten Börsenmaklers, der amerikanischen Refco, verwickelt.

Satte 425 Mio. Euro hat sie Refco bzw. deren Ex-Eigner und jetzigen Dritteleigentümer Phillip Bennett geborgt. Die US-Behörden ermitteln gegen Bennett wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung, den Jahresabschlüssen seit 2002 sei "nicht zu trauen".

Die Fakten

Die Wiener Fakten, die sich bisher festmachen lassen: Das Unternehmen Refco selbst, an dem die Bawag zwischen 1999 und 2004 mit zehn Prozent beteiligt war, hat rund 75 Mio. Euro Kredit von der Bawag eingeräumt bekommen, und zwar im Rahmen einer offenen Kreditlinie.

Bennet selbst, der laut Verdachtslage Zahlungsausfälle in der Höhe von rund 430 Mio. Euro von Kunden abdecken musste, klopfte im Oktober, noch vor dem Auffliegen der Affäre, bei seinen Wiener Geschäftsfreunden an.

Mit Erfolg, bekam er doch einen Kredit von rund 350 Mio. Euro. Die Sicherheit, die er der Bawag im Gegenzug gab: jenes rund 34-prozentige Aktienpaket, das ihm an Refco damals noch gehörte, und das derzeit nur noch rund 280 Mio. Euro wert ist.

Die Frage nach den nötigen Aufsichtsratsbeschlüssen in der Gewerkschaftsbank beantworten die Banker ausweichend so: "Die Kreditvergaben entsprachen unseren Richtlinien." Gar nicht kommentieren wollten sie das Gerücht, nur ein Drittel des Kredits, rund 140 Mio. Euro, schienen in der Bilanz auf.

Schadensminimierung

Bawag-Chef Johann Zwettler, Gewerkschaftsfunktionäre und Bawag-Präsident Weninger sind seit Sonntag um Schadensminimierung bemüht. Die Bank könnte auch einen Totalausfall verkraften, beteuert Zwettler. Sie sei "gut geführt", sagt ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch und Präsident Weniger verspricht, die Bawag werde, "wenn überhaupt ein Schaden entsteht, diesen so gering wie möglich halten". Der US-Finanzexperte Lewis Altfeld indes betonte heute im OE1-Morgenjournal, ein Kredit in dieser Höhe sei "total ungewöhnlich". Selbst der US-Tycoon Donald Trump würde Probleme haben, einen solchen Kredit zu bekommen.

Tatsächlich rangiert die 425-Mio.-Euro-Ausleihung aber als drittgrößter Problemkredit in der österreichischen Wirtschaftsgeschichte; schwerwiegender war etwa die Russland-Krise (acht bis zehn Mrd. Schilling), die allerdings mehrere Banken getroffen hatte.

Bawag-Sprecher Thomas Heimhofer ist umso mehr um Relativierung bemüht: "Refco war nach dem Börsengang und bis vor wenigen Tagen mehr als drei Milliarden Dollar wert, der Börsengang war von allen großen Investmenthäusern begleitet. Wenn die Vorwürfe stimmen, dann sind alle, auch die Bawag, Opfer von betrügerischen Handlungen geworden."

Krisenstimmung im ÖGB

Im ÖGB herrscht jedenfalls Krisenstimmung, der Gedanke an die Hereinnahme eines Partners wird wieder lauter. Und: Erste Gerüchte über einen bankexternen Nachfolger für Zwettler machen die Runde. Aktuell kolportierte Kandidatin: Gertrude Tumpel-Gugerell, derzeit im Rat der EZB. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.10.2005/Red)

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