Mindestlohn: Nur bei Überstunden

17. Oktober 2005, 18:57
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Der französische Dokumentarist Thomas Balmès begleitet in "A Decent Factory" zwei Nokia-Unternehmens- Beraterinnen nach China

... wo sie die Einhaltung ethischer Standards überprüfen: eine so informative wie bestürzende Einsicht in prekäre Arbeitsbedingungen.


Splitternackt hüpfen die Männer von Nokia ins Meer. Abkühlung tut nach der finnischen Sauna Not. Die Freizeitbeschäftigung ist firmenintern. Auf der Terrasse einer Holzhütte findet man nach dem gemeinsamen Schwitzen immer noch Gelegenheiten, um sich ein wenig über die Geschäftslage auszutauschen.

Die Managementetage des finnischen Handyunternehmens, demonstriert Thomas Balmès gleich zu Beginn seines Dokumentarfilms "A Decent Factory", ist vom Produktionssektor in der so genannten Sonderwirtschaftszone Shenzhen in China denkbar weit entfernt. Dort leben die Arbeiter, die Mehrheit von ihnen junge Frauen, in spartanischen Unterkünften nahe den Fabriken. Die Bezahlung nach Mindeststandard beträgt drei Euro pro Tag. Die Qualität der Verpflegung ist gering, und Überstunden sind die Regel.

Ein charakteristisches Beispiel für Arbeitsbedingungen innerhalb einer globalisierten Ökonomie. Mit der Kritik an solchen Verhältnissen wächst aber scheinbar auch die Sensibilität der Unternehmen. Man befürchtet nämlich einen etwaigen Imageverlust bei schlechter Presse. Interne Berater werden deshalb zu den Partnerfirmen in die Billiglohnländer geschickt, um die dort herrschenden Arbeitsstandards zu evaluieren, sodass sie sich daraufhin leichter optimieren lassen.

"A Decent Factory" folgt zwei solchen Beraterinnen für "ethische Orientierungen", der Finnin Hanna Kaskinen und der Britin Louise Jamison, auf die Visite einer Fabrik nach Shenzhen. Balmès' Ansatz hebt sich schon durch diese Perspektive vom Mainstream globalisierungskritischer Filme ab. Er blickt nicht von außen, mehr oder minder anklagend, auf die Effekte der ökonomischen Expansion, sondern verleibt sich eine Innensicht ein, die - bei aller selbstkritischen Agenda - letztlich auf die Steigerung der Effizienz des Unternehmens ausgerichtet bleibt.

Die Tätigkeit von Kaskinen und Jamison steht somit schon immer unter dem Vorbehalt, weniger der Aufdeckung als dem Kaschieren von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zuzuarbeiten. Umgekehrt aber erlaubt ihnen ihr Status als firmeninternes Korrektiv einen weitaus größeren Einblick. Das wiederum kommt Balmès zugute: Das Management in China gibt ihnen viel bereitwilliger Auskunft, als es dies etwa bei einer NGO tun würde. Daraus entsteht eine Transparenz, die dem Film Fakten anstatt nur Verdachtsmomente zuführt.

Regelverstöße

Die beiden Beraterinnen betätigen sich zunächst als Inspektoren. Sie werden durch die Fabriksräume geführt und haben diverse kleinere Regelverstöße zu beanstanden: So wird beispielsweise dem Lärmschutz nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, Chemikalien finden sich neben Trinkwasserbehältern - wobei Balmès nicht entgeht, dass sie der Manager daraufhin in die Küche bringen lässt -, oder das Licht scheint für eine augenbeanspruchende Arbeit an Microchips viel zu schwach.

Die anschließenden Interviews mit der Führungsriege bringen die strukturellen Hintergründe ans Licht. Dem britischen Manager ist der Widerwille ins Gesicht geschrieben, aber er verhehlt trotzdem nicht, dass den Arbeiterinnen der Mindestlohn unterschlagen wird. Schriftliche Verträge gibt es keine, denn damit würde der Gesetzesbruch aktenkundig. Bei Schwangerschaft ist die Entlassung unumgänglich, und mit Strafandrohungen wird die Disziplin vergrößert.

Das Anliegen von Kaskinen und Jamison, sich anschließend auch ungestört mit den Arbeiterinnen zu unterhalten, stößt auf Barrieren. Das Management will dabei sein, aber das würde die Befragung verfälschen. Dabei sind die Aussagen der jungen Frauen angesichts der bestürzenden Einsichten, die es davor selbst geliefert hat, eher harmlos: Das Essen sei schlecht, lautet der Tenor, und es gibt Klagen über den Umgangston der Vorarbeiterin.

Am Ende bedanken sich beide Seiten für die Kooperation. Ob sich etwas ändern wird, bleibt in "A Decent Factory" ausgespart. Dass es keinen großen finanziellen Aufwand bedeuten würde, etwas zu ändern, erfährt man aber schon. Ein sinnträchtiges Schlussbild fasst die Praxis der Selbstregulierung noch einmal zusammen: Hanna, mittlerweile aus dem Job ausgeschieden, beseitigt beim Langlauf die Scheiße ihres Hundes von der Loipe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

19. 10.,
Urania, 21.00

26. 10.,
Stadtkino, 13.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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