Kommentar: Neue Schule braucht neue Lehrer

7. März 2006, 17:37
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Wer für Nachprüfungen extra Geld verlangt, diskreditiert alle engagierten Pädagogen - Von Lisa Nimmervoll

"Die Neue Schule für uns" steht auf dem Werbesujet, mit dem Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ihre Schulreform, die in acht Teilpaketen kommen soll, landauf, landab großformatig präsentiert. Die "Für uns"-Sprechblase am Plakat führt zu einem Kindermund. Und so wie es aussieht, ist es kein Zufall, dass sie nicht zu einem Lehrermund führt, auch wenn auf der Ministeriumshomepage steht, die "Neue Schule" soll für Kinder, Eltern und Lehrer sein.

Ressourcenfrage entscheidend

Von Elternseite gibt es immerhin grundsätzliche Zustimmung zu Gehrers Reformplänen, wenngleich keine überschwängliche Freude. Vor allem die Ressourcenfrage hält man für entscheidend.

Die stärksten Drohungen, Widerstand zu leisten, kommen derzeit von den Lehrern, konkret: den Gewerkschaften der Lehrer an allgemein bildenden höheren sowie berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. Sie sträuben sich gegen die von Gehrer als Teil einer strafferen Schulanfangsphase verstandene Vorverlegung der Nachprüfungen aus der ersten Schul- in die letzte von immerhin neun Ferienwochen. Die AHS-Lehrer deponierten prompt ein Nein zu dieser "versteckten Arbeitszeiterhöhung". Die Kollegen in den berufsbildenden Schulen wollen gleich Geld machen mit den Nachprüfungen und fordern allen Ernstes Prüfungstaxen. Das klingt, mit Verlaub, nach: "Die Alte Schule für uns".

Honorar für "eifrige Nachprüfer"

Es ist fast grotesk, für Nachprüfungen, die in Ländern mit einer anderen Schulkultur eigentlich als Zeichen des Versagens des jeweiligen Lehrers verstanden werden, auch noch Geld zu verlangen. In Pisa-Vorbildländern wie Finnland und Schweden fühlen sich Lehrer in viel stärkerem Ausmaß verantwortlich für den Lernerfolg ihrer Schüler. Wohingegen die Idee, Nachprüfungen finanziell extra zu dotieren, zu Ende gedacht ja bedeuten würde: Je mehr Schüler nachgeprüft werden müssen, desto mehr Geld gibt es als Honorar für die eifrigsten "Nachprüfer" unter den Lehrern.

Das kann es ja wohl nicht sein. Und es hat nichts mit Lehrer-Bashing zu tun, wenn es in der Öffentlichkeit zu diesen Lehrerforderungen ungläubiges Kopfschütteln gibt. Niemand kann allen Ernstes dafür auf besondere Sympathie hoffen. Diese Gewerkschafter schaden den von ihnen Vertretenen. Denn es ist der implizite Geist solcher Aktionen, der den Lehrerstand kollektiv unter Beschuss bringt. Die große Riege der engagierten Pädagogen, die sehr wohl schon in der letzten Ferienwoche in der Schule ist, um das Schuljahr vorzubereiten, kommt durch solche Querschüsse, die den Hautgout einer bloßen "Rettet die Lehrerferien"-Aktion hat, ungerechtfertigt unter Druck.

Die "Geld für Nachprüfungen"-Forderung der Lehrergewerkschafter verschleiert vor allem die wirklichen Probleme in den österreichischen Schulen. Wenn sie tatsächlich neu werden sollen, wird das ohne die Lehrerinnen und Lehrer nicht machbar sein. Sie müssen sich mit den Reformen identifizieren, und sie müssen mitziehen. Das ist ein wechselseitiger Prozess, der beide Seiten fordert: die Lehrer und das Bildungsministerium. Ein Stück weit werden die neuen Schulen auch "neue Lehrer" brauchen.

Bringschuld der Politik

Jener Bereich, der gesellschaftspolitisch eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen überhaupt erfordert, muss natürlich vom Staat - quasi "Auftraggeber" - entsprechend ausgestattet und unterstützt werden. Der aber lässt die Schulen schon viel zu lange darben und presst die Engagierten des Berufsstandes extrem aus. Hier beginnt die Bringschuld der Politik.

"Neues Lehrersein" setzt aber auch voraus, dass die Pädagogen zur Kenntnis nehmen, dass sich auch in ihrem Arbeitsfeld Dinge ändern, ändern müssen. So ist das nun einmal ganz besonders dort, wo Kinder sind. Und alle Lehrer, die ihre Ferien bis zum letzten Tag genießen wollen, müssen den Unterricht nur so gestalten, dass jedes Kind das Klassenziel auch erreicht - wirklich erreicht, ohne Augenzudrücken und durch. Dann haben beide - Kinder und Lehrer - schöne Ferien. (DER STANDARD-Printausgabe, 18.10.2005)

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