Wenn der Wahlkampf unter die Gürtellinie rutscht

21. Oktober 2005, 15:23
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Der Wahlkampf wird immer heftiger: Was neuerdings unter dem Titel "dirty campaigning" läuft, ist derzeit in Wien allerorten zu finden

Wien – Die Zeit des Intensivwahlkampfes ist sicherlich keine der Zimperlichkeit. Da wird geworben, was das Zeug hält – und die Kassa hergibt. Die einen verschenken eine Vespa – wenn sie in den Gemeinderat kommen (BZÖ).

Die anderen locken mit Benzingutscheinen – die werden aber bei der Abschlusskundgebung der FPÖ verlost. Manchmal allerdings wird die Gürtellinie in diesen Tagen deutlich nach unten verlegt. Wenn etwa E-Mails kursieren, auf denen H.C. Strache zahnluckert, mit blauem Kopftuch auf einer Alm zu sehen ist: "Willst du dein Kopftuch ham? Dann trag's wie bei uns daham", steht drunter.

Umgekehrt geht's ähnlich zu. Kürzlich erhielt ein "Thomas T." einen Brief von H.C. Strache, in dem dieser sich auf ein angebliches Telefonat mit T. beruft: "Ja, sie haben recht, Herr T., es gibt zu viele Ausländer in Wien", steht da. Und dann die ganze Palette – T. habe Recht, dass es "zu viele Schwarzafrikaner, die mit Drogen handeln" gebe, "zu viele Türken, die sich nicht an unsere Sitten und Gebräuche anpassen wollen. Die unsere Kultur verachten." Thomas T. ging in seine SP-Sektion und regte sich entsprechend auf.

Gegen die Grünen wird auf Altbewährtes gesetzt: Alles Kommunisten, lautet die Botschaft, die in Bezirken gestreut wird. Beispiel Josefstadt: Dort verteilt die Liste Pro Josefstadt – ein Zusammenschluss von ÖVP und Bürgerforum – Cartoons, auf denen ein trojanisches Pferd mit grünem Parteilogo abgebildet ist. Aus dem Pferd springt wer mit Hammer-und-Sichel-Fahne.

Der Pickerlklau

Während die FPÖ sich, wie in jedem Wahlkampf, mit Plakatüberklebe-Aktionen auseinander setzen muss, kommen der ÖVP gleich ganze Plakatständer abhanden. Fehlt auf dem Plakatständer der amtliche Stempel, wird er von der MA 48 einkassiert. So geschehen vor Tagen in Wieden und nun auch in Hietzing. In der ÖVP glaubt man, dass die Stempel von Übeltätern abgerissen werden.

Dass es auch abgeschmackt geht, beweisen Aktivisten im Schlepptau der ÖVP – beziehungsweise einer ihrer Kandidatinnen: Gudrun Kugler-Lang, Listenplatz 18. Sie selbst führt einen Vorzugsstimmenwahlkampf, rabiate Abtreibungsgegner unterstützen sie – und das heftig: Im Internet kursiert ein Plakatsujet, das der laufenden Wahlkampagne der SPÖ nachgestellt wurde.

Darauf zu sehen: ein abgetriebener Embryo sowie der Slogan: "Wählen wir Abtreibung. Wählen wir Mord." Darunter befindet sich ein Foto von Frauenstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ). Laut Wehsely gibt es in Wien eine Radikalisierung der Abtreibungsgegner. "Höchst irritiert" zeigte sie sich über den Veranstaltungsort einer Podiumsdiskussion von Abtreibungsgegnern am Montag: der Festsaal des Innenministeriums. Dieses dementiert: Man habe damit nichts zu tun, der Saal sei über das Außenamt reserviert worden.

Jubel von außen

Manchmal ist allerdings auch zumindest der Einsatz der Mittel hinterfragenswürdig. Dieser Tage verschickte etwa die MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung) ihre bekannt SP-fernen Jubelbroschüren über Stadtentwicklungsgebiete und Wohnprojekte. Mitten unter den offiziellen kommunalen Druckwerken aber auch: "Wien-Extra – Wohnen in Wien" – die Wohnbeilage von News. Als Informationsmaterial der Stadt. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2005)

von Roman David-Freihsl und Peter Mayr
  • "Wählen wir Abtreibung. Wählen wir Mord." - Ausschnitt aus einem im Internet kursierenden Extrem-Beispiel für Dirty-Campaining
    foto: internet

    "Wählen wir Abtreibung. Wählen wir Mord." - Ausschnitt aus einem im Internet kursierenden Extrem-Beispiel für Dirty-Campaining

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