Dienst nach Vorschrift in Falluja

19. Oktober 2005, 18:39
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"Occuption: Dreamland" von Garrett Scott und Ian Olds - eine nüchterne Irak-Doku

Im Januar 2004 war das nordirakische Falluja nur eine vom Krieg zerrüttete Stadt. Die Offensive gegen die Hochburg der Sunniten war für den gemeinen US-Soldaten damals noch nicht absehbar. Im Dokumentarfilm "Occuption: Dreamland" von Garrett Scott und Ian Olds ist der zentrale Platoon so auch mit polizeiähnlichen Aufgaben betraut, die für die Zeit nach dem Krieg - die in "neuen Kriegen" immer noch eine Zeit im Krieg darstellt - charakteristisch sind: Es handelt sich um Patrouillen durch die Straßen, die vornehmlich auf Präsenz abzielen, auch wenn man am Marktplatz das Gespräch mit den Händlern sucht. Publicrelation gehört schließlich zu ihrem Aufgabengebiet dazu.

"Occupation: Dreamland" ist ein Film über einen kriegerischen Zwischenzustand. Die beiden Regisseure bleiben streng auf der Seite der US-Soldaten, ohne sich als "embedded journalists" zu verstehen. Der Name des Stützpunkts lautet tatsächlich "Dreamland", aber die jungen Männer in Uniformen verbinden kein Abenteuer mit ihrer Mission. Einer von ihnen war Bassist einer Death-Metal-Band, bevor er sich die Haare kurz schneiden ließ; ein anderer wollte Kunstgrafiker werden, aber es fehlte ihm der College-Abschluss - den meisten mangelte es einfach nur an einer Vorstellung von ihrer Zukunft.

Die Armee gab ihnen eine soziale Ordnung vor, in die sie sich eingliedern konnten. Über ihre Aufgaben im Irak machen sie sich jedoch keine Illusionen. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie hier keine demokratischen Werte verteidigen, sondern die Ölreserven ihrer Heimat sichern. Die Motivation, mit der die Truppe ihren Aufgaben nachgeht, ist dementsprechend gering. Scott/Olds folgen ihr auf den Streifzügen, beim Dienst nach Vorschrift.

Eine Szene, die sich dabei öfters wiederholt, zeigt sie beim gewaltsamen Eindringen in Privathäuser, um versteckte Waffennester auszuheben. Nicht nur hier tritt deutlich zutage, dass ihnen die irakische Bevölkerung tendenziell feindlich gegenübersteht. Die Versuche, mit Einheimischen zu kommunizieren, werden entweder von Sprachbarrieren behindert, oder aber die Einstellungen gegenüber den Invasoren sind derart gefestigt, dass auch keine Verständigung mehr helfen könnte.

Ein Soldat bringt die Dynamik schließlich auf den Punkt, wenn er meint, dass die US-Präsenz vor allem Feindschaft produziere. Die Routinen haben die US-Soldaten aber auch schon längst selbst zermürbt. In Occupation: Dreamland stehen sich zwei Seiten gegenüber, die aufeinander nur noch in Argwohn blicken. Als dann der Widerstand tatsächlich eskaliert, wird die Truppe von US-Marines ersetzt, und Falluja gerät einige Monate lang in den Fokus der Weltöffentlichkeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

20. 10., Stadtkino, 15.30

24. 10., Gartenbau, 13.00
  • Artikelbild
    foto: viennale
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