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Edo Bertoglio galt als Chronist der New Yorker Downtown-Scene der späten 70er-Jahre. In der sehr persönlich gehaltenen Doku "Face Addict" kehrt er zu früheren Stätten und Personen dieser künstlerisch spannenden Epoche zurück.
Die wenig abwechslungsreichen Atemzüge, die John Luries durch sein Saxofon tut, bestimmen das Tempo von "Face Addict". Der Titel dieser Dokumentation ist eine Selbstbeschreibung des Fotografen und Filmemachers Edo Bertoglio. Er sei immer schon von den vielen verschiedenen Gesichtern angetan gewesen, denen er in New York begegnet sei: "I fell in love every five minutes", beschreibt er diesen Erregungszustand.
New York ist jene Stadt, in der der gebürtige Franzose in den späten 70er- und frühen 80er-Jahren gelebt hat und wo er zu einem Chronisten der damaligen Downtown-Scene wurde, dessen Fotos Cover großer Magazine und angesagter Bands zierten. Eine Szene, in der sich Künstler aus allen Genres gegenseitig zu befruchten schienen und die mit dem Auftauchen von Aids, dem Ansteigen der Drogentoten im Freundeskreis und auch mit der Wahl Ronald Reagans zum Präsidenten der USA langsam zerfiel.
Bertoglio kehrt für "Face Addict" nach 15 Jahren Absenz nach New York zurück. Mit Fotos aus der wilden Vergangenheit sucht er Freunde und Weggefährten von damals auf, darunter bekannte Namen wie Debbie Harry von der Popband Blondie oder John Lurie von den Lounge Lizards. Dazu andere wenig bis unbekannte Figuren, die auch solche bleiben, weil Bertoglio es unterlässt, diese wenigstens in Inserts vorzustellen.
Diese zutiefst persönliche Reise in die Vergangenheit bleibt nicht nur deshalb bis zum Ende ziemlich unzugänglich. Auch die Protagonisten gehören oft der B-Liga dieser Szene an. Kein Wunder, immerhin sind die wirklichen Stars der damaligen Szene heute entweder tot oder sie zählten offenbar nicht zum Bekanntenkreis Bertoglios: Keith Haring, Andy Warhol, aus dessen Factory-Umfeld einige im Film auftauchende Figuren stammen, und natürlich Jean-Michel Basquiat, der Shootingstar der damaligen Kunstszene, der mit nur 28 Jahren an einer Überdosis starb.
Basquiat war das Sujet von Bertoglios ungleich interessanterem Debütfilm "Downtown 81". In diesem, 1999 fertig gestellten Streifen, sorgte der Soundtrack für mehr Aufregung als "Face Addict" als Ganzes: Von DNA über Liquid Liquid bis zu Kid Creole & The Coconuts reichte dieser.
"Face Addict" bleibt ruhig, persönlich und kann sich nicht entscheiden, ob er das Hauptgewicht auf frühere Szenetypen in ihren jetzigen Existenzen richten will oder mit ihnen in der Vergangenheit schwelgen möchte. Soweit "schwelgen" in Zusammenhang mit der oft wenig positiv besetzten Nostalgie vereinbar ist. Immerhin nehmen die Verstorbenen in Face Addict fast ebenso viel Platz ein wie die noch Lebenden. Wirklich spannende Einblicke in die damalige Szene bleibt der viel zu insiderisch angelegte Film jedenfalls schuldig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2005)
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