Meine Hände werden rauer

19. Oktober 2005, 17:55
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"Malerei heute" von Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert ist ein politischer Essayfilm in Bildern

Mit dem Bild einer Druckmaschine beginnt der Dokumentarfilm "Malerei heute" von Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert. Zweihundert Jahre lang haben wir uns daran gewöhnt, Arbeit nach dem Paradigma der Industrie zu begreifen. Nun müssen wir uns allmählich neue Gedanken machen. Das ist die erste Aussage dieser essayistischen Filmarbeit, in der die Stimmen aus dem Off eine ausdrücklich diskursive Ebene eröffnen. Hayn und Remmert betreiben eine Gegenkunstgeschichte, es gibt also eine Rahmenhandlung in Epochendimensionen. Konkret handelt "Malerei heute" allerdings von den Jahren zwischen 1998 und 2005, also von der Zeit der rot-grünen Koalition in Deutschland.

Hayn begann vor der Wahl im Jahr 1998 mit einer Erkundung des urbanen Raums in Berlin. Anstatt zu fotografieren, malte er die visuelle Information im öffentlichen Raum als Aquarelle. Werbeplakate vor allem sind sein Motiv. Er stellte fest, dass die Produzenten und Werbetreiber latent zu der politischen Entscheidung Stellung bezogen: Ein Traditionswaschmittel stand gegen den Wandel, eine Zigarettenmarke für Wagemutige sah frühzeitig rot. 156 dieser Einstellungen gibt es in "Malerei heute" zu sehen. Aus ihnen ergibt sich eine interessante Lektüre des politischen Raums, die wiederum mit anderen Lektüren in Zusammenhang gebracht werden.

An einer Stelle kommen Hayn und Remmert auf Fritz Langs "Scarlet Street" zu sprechen, einen Thriller, ein Remake nach Jean Renoir, in dem ein Mann für einen Maler gehalten wird, nur weil er in der Lower East Side über eine Straße geht und einer bedrängten Frau zu Hilfe kommt. Der Kunstmarkt kommt bei Lang als eine andere Form von falscher Identität ins Spiel.

Wenn man so will, dann reklamiert Hayn mit seinen Aquarellen die individuelle Arbeit zurück, die im wiedervereinigten Deutschland sukzessive in Abhängigkeit von einem globalen Kapitalismus geriet. Er rekapituliert im Modus der Kunst eine Bewegung, die eigentlich als Vorwegnahme mancher Modelle begriffen werden kann, die gegenwärtig auch in der Soziologie und der politischen Theorie diskutiert werden.

"Malerei heute" steht einer kleinen Schule des politischen Kinos nahe, die sich auf Straub/Huillet bezieht, ohne sich dogmatisch in deren Tradition zu stellen. Rudolf Barmettler oder Gerhard Friedl arbeiten mit ähnlichen Bild/Ton-Strategien. Das gesprochene Wort aus dem Off dient nicht der Verfremdung. Es sind die Aquarelle, die bildfüllend die Grundeinheit bilden. Sie vereinen den Diskurs über Arbeit und der Kunst in eine Bewegung von Repräsentation und Deutung, also in Kritik. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.10.2005)

Von
Bert Rebhandl

20.10.,Metro, 19.00

21.10., Metro, 11.00

  • Artikelbild
    foto: viennale
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