In die Köpfe der Menschen schauen

17. Oktober 2005, 18:55
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Milton Moses Ginsberg im Interview über seinen spät gewürdigten Underground-Film "Coming Apart"

Mit "Coming Apart" erlebt ein Underground-Film aus dem Jahr 1969 eine späte Würdigung. Regisseur Milton Moses Ginsberg erinnert sich im Gespräch mit Frank Arnold an seine Entstehung und seine Wiederentdeckung.


DER STANDARD: Mr Ginsberg, in "Coming Apart" sagt Rip Torn einmal, er möchte Dinge fotografieren in dem Moment, in dem sie geschehen – er möchte Realität fotografieren. Aber die Art und Weise, wie Sie den Film gemacht haben, war genau entgegengesetzt, oder? Mir kommt er wie ein Gegenent wurf zu Andy Warhols "Blue Movie" vor – der wurde aber improvisiert, so viel ich weiß.

Ginsberg: Rückblickend finde ich Warhols Filme wichtiger als vieles andere, was damals ge macht wurde. Aber ich hatte einen literarischen Hintergrund, für mich war es wichtig, alles niederzuschreiben – es gab keine Improvisationen. Da ich darauf bestand, selber Regie zu führen, schlug ich den Produzenten vor, einige Szenen zu inszenieren, die sollten sie dann den Studios zeigen als Visitenkarte. Sie stimmten zu und fragten, wie viel Geld ich dafür benötigen würde. Ich sagte: 20.000 – aber wenn Sie das verdoppeln, drehe ich einen kompletten Film! Das wollten sie nicht glauben: Wie soll das funktionieren?! Ich erwiderte: indem ich nur eine einzige Kameraeinstellung benutze. Sie willigten ein, mir etwas Geld für das Drehbuch zu geben.

DER STANDARD: Wie haben Sie mit Ihren Schauspielern gearbeitet? Gab es intensive Proben?

Ginsberg: Wie gesagt, alles stand vorher im Drehbuch. Das Wichtigste, was ein Regisseur macht, ist die Besetzung. Bei Rip Torn wusste ich gleich, dass er der Richtige war.

DER STANDARD: Hatte er damals schon den Norman-Mailer-Film "Maidstone" gedreht?

Ginsberg: Einige Monate vorher – und er war immer noch aufgewühlt. Sally Kirkland hatte ich "off Broadway" gesehen. Da ich selber einmal (Method-)Schauspieler war, wusste ich, wie man mit Schauspielern spricht. Als ich Literatur studierte, las ich vor allem "Stream of consciousness"-Romane – das wollte ich in meinem Film festhalten. Im Film ist das anders, weil er in der dritten Person erzählt. Aber in "Coming Apart" funktioniert das, weil er menschliches Verhalten aus einer solchen Nähe betrachtet, dass es ist, als könne man in die Köpfe der Leute schauen.

DER STANDARD: Durch diese Nähe wirkt er ganz gegenwärtig.

Ginsberg: Für mich ist er auch mehr als dreißig Jahre danach so intensiv, dass es mir vor kommt, als würde er zu einem anderen Leben gehören. Als er jetzt wieder zu sehen war, wurde er behandelt, als hätte ich ihn gestern gedreht. Das ist ein gutes Gefühl, damit schließt sich ein Kreis, die Dämonen werden vertrieben, denn damals war es mit viel Bitterkeit verbunden – es war genau der Film geworden, den ich mir vorgestellt hatte, und ich hatte gedacht, man würde darauf reagieren wie ich auf einen Film von Antonioni oder Resnais reagiert hatte. Aber das war nur bei einigen wenigen der Fall.

DER STANDARD: Hatte der Film damals irgendeinen Einfluss?

Ginsberg: In New York City hatte er einen großen Einfluss, aber einige Kritiken bedeuteten dann sein Ende. Als er nach seiner Wiederentdeckung in einigen Großstädten wieder zu sehen war, kamen Leute auf mich zu und sagten: Dieser Film hat mein Leben verändert! Und sie zeigten mir dieses grüne Paperback – das damals veröffentlichte Drehbuch. Das hatten sie seit dreißig Jahren aufgehoben und wollten es jetzt signiert haben.

DER STANDARD: In den letzten Jahren haben Sie sich einen Namen gemacht als Cutter von preisgekrönten Dokumentarfilmen wie "Listen Up – The Lives of Quincy Jones" oder "Catwalk".

Ginsberg: Das ist keine Karriere, die ich mir ausgesucht habe. Nach "Coming Apart" und weiteren Filmen wurde ich ziemlich krank – vor zwanzig Jahren wurde bei mir Krebs diagnostiziert. Ich musste mich einer intensiven Chemotherapie unterziehen. Das war das Ende meiner (möglichen) Karriere in Hollywood, ich blieb in New York und begann als Cutter zu arbeiten. Bei Dokumentarfilmen ist der Cutter der eigentliche Autor, besonders bei Cinéma-vérité-Filmen. Ich mag diese Dokumentationen nicht, wo Archivmaterial mit einem Kommentar zusammengefügt wird. Heute wird viel auf Video gedreht, was dazu führt, dass sie die Kamera niemals ausschalten, weil das Material nichts kostet. Ich versuche, dass die Filme wie Spielfilme funktionieren – ohne Kommentar, die Geschichte muss sich selber erzählen.

DER STANDARD: Ihre Filmkarriere begann aber auch als Cutter?

Ginsberg: Ja, beim "Direct Cinema": Ich habe für die Maysles Brothers gearbeitet, aber auch für Leacock und Pennebaker. Beim Betrachten der Muster dieser Zehn-Minuten-Rollen sah man die Realität des Geschehens vor der Kamera und dann plötzlich am Ende der Rolle die Nummern – das waren zwei verschiedene Welten. Das hat mich auch bei "Coming Apart" beeinflusst. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2005)

18. 10.
Gartenbau, 23.30

20. 10.
Künstlerhaus, 20.30

  • Artikelbild
    foto: viennale
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