Die Macht der Nanas

2. November 2005, 07:00
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Niki de Saint Phalle thematisierte Weiblichkeit im Patriarchat - Kürzlich hätte sie ihren 75. Geburtstag gefeiert - Mit Ansichtssache

"Alle Macht den Nanas!" Mit diesem Ausspruch und politisch-künstlerischem Anspruch griff Niki de Saint Phalle Mitte der 60er-Jahre den revolutionären Ideen der Neuen Frauenbewegung vor. Denn die Nanas, überdimensionale üppig-bunte Frauenfiguren, anfangs aus Draht und Stoff, später aus Polyester, die erstmals 1964 in Paris ausgestellt wurden, waren laut Niki de Saint Phalle "das Symbol einer fröhlichen, befreiten Frau". Zwanzig Jahre später weitete sie ihre Vision aus, in dem sie in ihnen die "Vorbotinnen eines neuen matriarchalischen Zeitalters" sah, von dem sie meinte, dass es die "einzige Antwort ist".

Ihre Antwort auf eine patriarchal-aggressive Gesellschaft, die Niki de Saint Phalle sowohl in ihren Filmen als auch in Skulpturen, Bildern und Installationen der Lächerlichkeit preis gab. Riesige erigierte Penisse als Waffensurrogate und dieselben verstärkend, Feuer- und Wasserexplosionen Ejakulationen gleich. Brüllende, sich aufblähende männliche Jammergestalten, die ernsthaft an Krieg und Vernichtung als normale und notwendige Vorkommnisse des Lebens glauben.

Schießbilder

Um Aggression ging es ihr auch, aber mit einem ganz anderen Hintergrund. Denn ihre Schießbilder richteten sich nur rein symbolisch und als Kritik an einer rigiden Gesellschaft an Menschen. Sie schoss auf weiße Materialobjekte mit eingearbeiteten Farbbeuteln, wodurch sich die Farbe über das Bild ergoss.

"1961 schoss ich auf: Papa, alle Männer, kleine Männer, große Männer, bedeutende Männer, dicke Männer, Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft, die Kirche, den Konvent, die Schule, meine Familie, meine Mutter, ... auf mich selbst ... Ich schoss, weil mich die Beobachtung faszinierte, wie das Gemälde blutet und stirbt ... Ich habe das Gemälde getötet. Es ist wiedergeboren. Krieg ohne Opfer", sagte Niki de Saint Phalle 1987 in München. Die Befreiung durchs Schießen konnte sie mit dem monumentalen Kingkong-Bild abschließen und sich auf die künstlerische Umsetzung sozialer Rollen und ideologischer Bilder von Frauen konzentrieren.

Weibliches Bewusstsein

Rote Hexen, weiße Bräute, rosarote Gebärende und vielfarbige Monster symbolisieren die unterschiedlichen Rollen und Anforderungen von und an Frauen in ihren möglichen und verbotenen Existenzformen. Im Unterschied zu den Schießbildern ging es der Künstlerin hier jedoch nicht um eine männliche Täter / weibliche Opfer-Gegenüberstellung, sondern um die Bewusstwerdung der Frauen in ihren Situationen. "Ich fing an, nach meiner Identität als Frau zu suchen und die verschiedenen Rollen zu wiederholen, die ich gespielt habe - die wir Frauen spielen", erklärte Niki de Saint Phalle in einem Interview 2001 die Melancholie dieser Figuren, die ihre stillste Arbeitsperiode kennzeichnen.

Hon - die Verschlingende

Und immer wieder war es die menschliche Existenz, insbesondere das Werden und Vergehen, Geburt, Leben und Sterben, die ihr Thema bildete, das sich in den Nanas, den Urbildern der Großen Mutter, ausdrückte. Hon, die berühmteste und größte der Nanas (28 Meter lang), mit gespreizten Beinen auf dem Rücken liegend und durch die Vagina betretbar, provozierte und empörte die Welt. 1966 im Moderna Museet in Stockholm ausgestellt, sprengte sie alle Tabus der westlichen Gesellschaft. Das Innere eines Frauenkörpers und seiner Sexualität öffentlich machend, sollte sie jedoch nicht den Objektstatus darstellen, sondern vielmehr die "Feier einer überlegenen Dimension von Weiblichkeit" (U. Krempel) sein, das Betreten des unbekannten Ortes ein lustvolles Happening.

In der Folge der Darstellung der lebengebenden Nanas Anfang der 70er-Jahre wechselten Niki de Saint Phalles Frauenfiguren zu noch voluminöseren Objekten. Ältere Frauen, runde Matronen, "verschlingende Mütter", die sie zeigt als "Abschiednehmende", in sich ruhend, aber meist alleine ohne Gesellschaft, bei allen möglichen Tätigkeiten. Beispielsweise vor einem pompösen Essen: die Mutter verschlingt es, weil sie alles andere entbehren muss: die Aktivitäten des "wirklichen Lebens", die Liebe ..., abgestellt und traurig und doch bedrohlich. Oder die "bösen Hexen", die Angst einjagen, weil sie auffressend, verschlingend und vor allem gesellschaftskritisch seien.

Der Tarotgarten

1979 schritt Niki de Saint Phalle zur Umsetzung ihres größten Projekts, zum Tarotgarten (Il Giardino dei Tarocchi) in der südlichen Toskana. Gemeinsam mit ihrem Lebensmenschen, dem Metallkünstler Jean Tinguely, und vielen HelferInnen schuf sie ein gigantisches Parkgelände, das eine fantasievolle Umsetzung der Figuren des Tarot und anderer Kunstobjekte bildet. Seit 1996 ist der Garten öffentlich zugänglich und sein Besuch ein Erlebnis.

"Alles zeigen ..."

Als sich die Künstlerin 1994 aus gesundheitlichen Gründen durch jahrelanges Einatmen von Polyesterdämpfen in das milde Klima Kaliforniens zurückgezogen hatte, konnte sie die Qualen ihrer Mädchenzeit literarisch aufarbeiten. In ihrem Buch "Mein Geheimnis" brachte sie die ihr widerfahrene sexuelle Gewalt ihres Vaters auf Papier. "Ich wollte alles zeigen. Mein Herz, meine Gefühle. Grün. Rot. Gelb. Blau. Violett. Hass, Liebe, Lachen, Angst, Zärtlichkeit", schrieb sie. Das ist ihr gelungen.

Niki de Saint Phalle starb am 22. Mai 2002 an einem Lungenemphysem. (Dagmar Buchta)

Niki de Saint Phalle:
Geboren am 29.10.1930
in Neuilly-sur-Seine
Gestorben am 22.05.2002
in San Diego

Zur Ansichtssache

Buchtipp:
Niki de Saint Phalle
Bilder, Figuren, Phantastische Gärten
Katalog
Prestel 1997
ISBN: 3791318209
Euro 50,11
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    foto: katalog/prestel
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