Nähkurse gegen den Faschismus?

2. April 2008, 17:15
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Käthe Leichter, Sozialdemokratin und Antifaschistin, baute das Frauenreferat der Wiener Arbeiterkammer auf - ein Porträt

"Gehört die Frau ins Haus?", "Was wird uns Frauen der Sozialismus bringen?", "Die Vaterländische Front und die Frauen" ... Das sind nur einige Beispiele der zahlreichen Reden, die Käthe Leichter, "eine der profiliertesten Sozialdemokratinnen Österreichs", wie es Hertha Kratzer in ihrem Buch "Die großen Österreicherinnen" ausdrückt, gehalten hat. Als Gründerin des Frauenreferates der Arbeiterkammer Wien und sozialdemokratische Frauenfunktionärin galt ihr gesamtes und unermüdliches Engagement den sozialen und ökonomischen Verbesserungen für Arbeiterinnen. Einen zweiten Fokus richtete die eifrige Referentin schon lange vor dem Aufkeimen der nationalsozialistischen Herrschaft der vehementen Warnung vor den Gefahren des Faschismus.

Nationalökonomin und Pazifistin

Am 20. August 1895 als Tochter von Lotte Pick und dem Rechtsanwalt Dr. Josef Pick in eine großbürgerlich-jüdische Familie in Wien geboren, besuchte Käthe, die damals noch Marianne Katharina Pick hieß, das Lyzeum für "höhere Töchter". Nach der Matura studierte sie Staatswissenschaften an der Universität Wien und beschäftigte sich intensiv mit den Theorien von Karl Marx und August Bebel. Daneben arbeitete sie als Horterzieherin von Arbeiterkindern. Auf diese Weise war sie mit den sozialen Problemen des Proletariats hautnah konfrontiert und konnte sie mit ihrem theoretischen Wissen verbinden.

Da ihr in Wien der Zugang zu den Abschlussprüfungen verweigert worden war, wechselte sie im Herbst 1917 an die Universität Heidelberg, wo sie am 24. Juli 1918 das nationalökonomische Rigorosum bei Max Weber mit Auszeichnung bestand und zur Doktorin der Philosophie promoviert wurde.

Schon in Heidelberg hatte sich Käthe Pick einer Gruppe von PazifistInnen angeschlossen. Wieder zurück in Wien verkehrte sie in einem Kreis linker Studierender, die ebenfalls gegen den Krieg eingestellt waren. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann, den Journalisten und Sozialisten Dr. Otto Leichter kennen und schloss sich mit ihm der Rätebewegung an. Nun intensivierte sich ihr Interesse für sozialistische und kommunistische Theorien und sie kam immer mehr zur Überzeugung, dass durch die Verbindung beider auch die Situation für Frauen erheblich verbessert werden könnte.

Gründerin des AK-Frauenreferats

1919 begann Käthe Pick bei Otto Bauer als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Staatskommission für Sozialisierung zu arbeiten und war nebenbei als Konsulentin im Finanzministerium tätig. 1925 wurde sie in die Wiener Arbeiterkammer berufen, um das Frauenreferat aufzubauen. Sofort machte sie sich daran, auf die schwierigen Umstände von arbeitenden Frauen hinzuweisen. Anhand von quantitativen sowie qualitativen Studien zu den Bereichen Berufsausbildung, Doppelbelastung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern konnte Käthe Leichter ihre Forderungen für gesetzliche Maßnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Frauen untermauern. Die erste große Untersuchung dazu erschien 1927 unter dem Titel "Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich", in welcher die Auswirkungen der Massenarbeitslosigkeit dargelegt wurden. Es folgten u.a. Erhebungen zur Lage der Hausgehilfinnen und Heimarbeiterinnen und über Arbeiterinnen in der Industrie.

Das Besondere an Käthe Leichter war auch, dass sie Forschung von unten betrieb, indem sie in ihren Publikationen neben Wissenschafterinnen vor allem Frauen aus dem Volk, also die Betroffenen selbst, zu Wort kommen ließ. Außerdem verstand es die großartige Rednerin und Referentin zu den vielschichtigsten Themen schon zu einer Zeit, als der Begriff "Frauennetzwerk" noch nicht erfunden war, mit anderen Sozialdemokratinnen zu kooperieren. Zu ihren Partnerinnen zählten beispielsweise die Soziologin Marie Jahoda, die mit der Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" berühmt geworden ist, weiters die spätere Nationalratsabgeordnete Rosa Jochmann sowie Anna Boschek, die erste Gewerkschafterin im Parlament.

Widerständische und Opfer des Faschismus

Schon sehr früh hatte die politisch Sensibilisierte vor den herannahenden Gefahren des Faschismus gewarnt. Bei der Sozialdemokratischen Frauenkonferenz am 15. November 1931 empörte sie sich: "Der faschistischen Massenbeeinflussung und ihren gefährlichen politischen Schlagworten sollen wir unsere Hauptagitation auf gemütlichen Frauenveranstaltungen mit Nähkursen und Haushaltsvorschlägen entgegensetzen". Und im Sommer 1933 schrieb sie in der Arbeiterzeitung über die "Zurückdrängung der Frau von der Berufstätigkeit ins Haus, von der öffentlichen Betätigung zur Gebärtätigkeit, Zurückschraubung der ganzen hoffnungsreichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte".

Nach der Ausschaltung der Sozialdemokratie durch die Dollfuß-Diktatur im Februar 1934 flüchtete die Familie Leichter zuerst in die Schweiz, wo sie sich den "Revolutionären Sozialisten" anschloss. Sie kehrten jedoch noch im selben Jahr nach Wien zurück, um Untergrundarbeit für die Partei zu leisten. Als im März 1938 das Nazi-Regime etabliert war, befürchteten Käthe und Otto Leichter der politischen und antisemitischen Verfolgung ausgeliefert zu werden. Während ihrem Ehemann und den beiden Söhnen mit falschen Pässen die Flucht in die Schweiz noch rechtzeitig gelang, war es für Käthe Leichter zu spät. Am 30. Mai 1938, einem Tag vor ihrer geplanten Emigration, wurde sie von einem Spitzel an die Gestapo verraten und im Gefängnis des Wiener Landesgerichtes inhaftiert. Im Jänner 1940 erfolgte ihre Deportation ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie im Februar 1942 vergast wurde.

Ihre Mitgefangene Rosa Jochmann schrieb 1945 über Käthe Leichter: "Genossin Leichter war die Seele ihres Blockes und uns 'Politischen' die Lehrerin, die sie draußen gewesen war".

Käthe-Leichter-Preis

Um die Leistungen von Wissenschafterinnen im Bereich der Bildung, der Frauenforschung, der Arbeiterinnen- und Frauenbewegung entsprechend zu würdigen, wurde 1991 unter der damaligen Frauenstaatsekretärin Johanna Dohnal der "Käthe Leichter-Preis - Österreichischer Staatspreis für die Frauengeschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung" ins Leben gerufen und von 1992 bis 2000 vergeben. Mit der Schwarz-Blauen Wende wurde die Verleihung eingestellt. (dabu)

Geboren am 20. August in Wien
Gestorben im Februar 1942.
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