Big Brother Awards: Google, Schlecker und Innenministerin nominiert

25. Oktober 2005, 21:38
78 Postings

"Erweiterte Gefahrenforschung" in der Kritik - "World of Warcraft"-Hersteller Blizzard unter den weiteren Vorschlägen

Im Rahmen einer Pressekonferenz wurden am Montag in Wien die Nominierten für die Big Brother Awards Austria 2005 bekannt gegeben. Bereits im siebten Jahr werden Firmen, Institutionen und Einzelpersonen "ausgezeichnet", die sich besonders um die Überwachung der Bevölkerung "verdient" gemacht haben.

Politik

Insgesamt werden dabei Auszeichnungen in fünf Kategorien vergeben, ganz oben auf der Liste des Interesses steht dabei natürlich die Politik. In dieser Abteilung kann sich die österreichische Innenministerin Liese Prokop "beste Chancen" ausrechnen, immerhin habe sie in schlechtester Tradition die Versuche ihrer Vorgänger fortgeführt, die "erweiterte Gefahrenforschung" umzusetzen. Dank dieser dürfte die Polizei bald alle privaten und öffentlichen Ton- und Videoaufzeichnungen zugreifen, und dies ganz ohne richterlichen Beschluss, heißt es in der Begründung.

Pläne

Die "erweiterte Gefahrenforschung" spukte schon in der Vergangenheit mehrmals in Gesetzesentwürfen herum, wurde bisher allerdings immer wieder aufgrund von schweren verfassungsrechtlichen Bedenken wieder herausgenommen, offenbar kein Hindernis für die Innenministerin es erneut zu versuchen. Antreten muss Ministerin Prokop unter anderem gegen die FPÖ Burgenland, die elektronische Fussfesseln für Asylsuchende gefordert hat, sowie gegen den britischen Innenminister Charles Clarke "für seinen Angriff auf die Europäische Menschenrechtskonvention, in dem einander Hinterlist und Populismus zu übertreffen versuchen". Clarke hatte die Europäische Menschenrechtskonvention offen in Frage gestellt, da das "Recht auf Leben höher wiege als das auf Privatsphäre"

ASSA

In der Kategorie Business und Finanzen zählt die Schädlingsbekämpfungsfirma ASSA zu den "Favoriten": Das Unternehmen scannt nicht nur die Fingerabdrücke seiner MitarbeiterInnen sondern plant künftig laut eigenen Aussagen auch DNA-Proben zu nehmen. Die Webpage von ASSA führt dazu aus: "Das Reinigungspersonal, das nahezu ausschließlich aus den östlichen Nachbarräumen stammt und tendenziell zu den potentiell zu überwachenden Religions- und Glaubensgruppen zählt, wird von ASSA einem besonders strengen und selektiven Auswahlverfahren unterzogen."

Schlecker

Ebenfalls nominiert ist die Drogeriemarktkette Schlecker für die stetige Bespitzelung - unter anderem der Häufigkeit des Toilettenbesuchs - der MitarbeiterInnen, sowie dem Eingriff in der Privatsphäre durch Taschenkontrollen. Dieses Vorgehen hat der Firma in der Vergangenheit bereits einen Big Brother Award in Deutschland eingebracht. Kritisiert wird auch die flächendeckende Kamera-Überwachung in den U-Bahn-Zügen der Wiener Linien. Diese diene in keinster Weise der Sicherheit der PassagierInnen - bei einem gewalttätigen Übergriff oder einem Diebstahl wird auch künftig niemand helfen - sondern lediglich der Überwachung mit einem bald schon kommenden Generalzugriff für die Polizei.

WOW

Im Bereich "Kommunikation" nominiert wurde unter anderem der Spielehersteller Blizzard für "nachgerade strategisches Vorgehen" - allerdings gegen die eigenen KundInnen. Im Rahmen der Bemühungen Maßnahmen gegen das Schummeln beim Online-Rollenspiel zu treffen, schießt das Unternehmen weit übers Ziel hinaus. So werden laut den Nutzungsbedingungen nicht nur die Identifikationsnummer von Festplatten und CPU genommen, sondern auch gleich Hoheitsrechte über "die RAMs ihres Computers, die Grafikkarte, den Prozessor usw." abgetreten. Und das wird auch kräfitg ausgenutzt, ein eigenes Programm scannt auf der Festplatte und im Speicher nach verdächtigen Dateien und Prozessen.

Google

Weitere Nominierte sind Google für die "totale Datengeilheit" vor allem der Google Toolbar, sowie die Digital Rights Management-Allianz "angeführt von Microsoft" und die Impressumspflicht für WebseitenbetreiberInnen laut Mediengesetz.

Handy-Überwachung

Auch in der Kategorie "Behörden und Verwaltung" finden sich einige illustre Einträge, darunter die österreichischen RichterInnen im Gesamten, die immer "großzügiger" mit der Genehmigung von Handy-Überwachungen umgehen. Ebenfalls vorgeschlagen sind die Bürgermeister und Polizeipräsidenten der Städte Wien und Innsbruck für das "sinnfreie Umherhetzen von Drogenkranken vermittels Überwachungsanlagen", sowie die Pensionsversicherungsanstalt, die bereitwillig sensible Daten - unter anderem über die Pflegestufe einer Person, eine vor allem beim Beantragen eines Kredits entscheidende Information - an Banken übermittelt.

Umgekehrt

Erst zum zweiten Mal wird heuer auch der Positiv-Preis "Defensor Libertatis" vergeben: Nach Peter Huemer - der ihn für sein Lebenswerk verliehen bekam - wird damit nun eine Organisation bedacht, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als Favorit in Frage käme. Doch das EU-Parlament bekommt den Preis für den "Mut der Parlamentarier in wichtigen Fragen auch den Konflikt mit dem Ministerrat und der Kommission zu suchen". Konkret werden dabei die mehrmalige Ablehnung von Softwarepatenten aber auch die Ablehnung der Flugdatenweitergabe - ebenso gegen die Willen der Kommission - genannt.

Verleihung

Die Gewinner werden von einer Jury, die unter anderem von mehreren JuristInnen, JournalistInnen sowie VertreterInnen des Vereins Quintessenz, von VIBE!at und dem Verein zur Förderung freier Software gebildet wird, ausgewählt. Die Verleihung erfolgt im Rahmen einer Gala - wie bereits von den Vorjahren gewohnt - am Abend des 25. Oktober. Neu ist hingegen die Location, statt dem "großzügig" videoüberwachten Flex geht es nun ins Wiener Rabenhof-Theater. (apo)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.