Wenn sich Spannung entlädt

24. Oktober 2005, 12:23
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Moderne Technologien, wie im Satelliten Envisat zu finden, können Erdbeben wie jenes in Pakistan nur vorhersagen, wenn Bilder laufend verglichen werden. Ein Monitoringproblem.

Eine Woche nach der Erdbebenkatastrophe in Pakistan liest man in den Nachrichten nicht nur von mindestens 39.000 Menschenleben, die das Beben forderte. Man ließt auch von Hilfsmaßnahmen mit Hilfe modernster Technologien. So wurden an Pakistan zum Beispiel Satellitendaten von der Katastrophenregion gesendet - kostenlos dank der von mehreren Staaten getragenen "Internationalen Charta für Raumfahrt und größere Desaster". Geliefert werden die Daten unter anderem von Envisat, dem Erderkundungssatelliten des European Space Agency (ESA), der auch durch Wolken durchsehen kann, oder von Landsat, dem amerikanischen Pendant, dessen Vorzüge in einer hohen räumlichen Auflösung der von ihm gesendeten Bilder liegen.

Nachrichtentechniker Erich Mondre von der Forschungsförderungs- gesellschaft (FFG), die Österreich in der ESA vertritt, meint dass die Satellitendaten bei der Bewältigung des Chaos nach der Katastrophe helfen können. Und nicht nur das: "Schließlich erkennt ein Erdbeobachtungssatellit wie Envisat Änderungen im Millimeterbereich." Dank bildgebender Radarinterferometrie wird eine Art Höhenmodell der Erde hergestellt. Das Satellitenradar sendet Impulse zur Erde und registriert die Echos. Dabei peilt der Satellit einen bestimmten Punkt der Erde beim Überflug mehrmals aus unterschiedlichen Winkeln an. Die Bodenstation rechnet die eintreffenden Signale zu einer hochauflösenden digitalen Geländeabbildung zusammen.

Envisat kann also Bewegungen und Verformungen der Erdkruste feststellen. Experten kartierten so die Deformation des tibetischen Hochlandes. An eine langfristige, Menschenleben rettende Erdbeben-Vorhersagen durch Envisat glaubt Mondre dennoch nicht. Dazu müsste man die Daten laufend beobachten und rechtzeitig aufgrund von Veränderungen dann Schlüsse ziehen und Alarm schlagen. Das sei wohl ein "Monitoringproblem". Und noch etwas spricht dagegen: "Erdbeben sind plötzliche Ereignisse, und es wäre wohl vermessen zu glauben, dass man da rechtzeitig reagieren und Regionen räumen kann."

Blick in den Brunnen

Bisherige Vorhersagemethoden waren auch nur in den seltensten Fällen wirklich effektiv. Schon seit Jahren wird vermutet, dass das Edelgas Radon vor Erdbeben verstärkt aus der Erdoberfläche austritt, ein französisch-philippinisches Forscherteam konnte diese Vermutung vor etwa zwei Jahren bestätigen. Auch die Veränderung der elektrischen Leitfähigkeit von Gesteinen oder Veränderungen im Wasserspiegel von Brunnen werden seit jeher in Betracht gezogen. Auffälliges Verhalten von Tieren wird auch immer wieder als Warnsignal genannt. Eine Kombination von allem ermöglichte in China 1975 eine Bebenvorhersage. Ein Jahr später waren Seismologen mit den gleichen Methoden machtlos. 250.000 Menschen starben im Reich der Mitte.

In Gebieten mit hoher Erdbebenfrequenz wie Japan werden große Summen in die Forschung investiert. Verhindern kann man diese Naturereignisse selbstverständlich nie. Am vergangenen Wochenende wurde Japan von einem Beben der Stärke 5,1 laut Richteskala erschüttert - ohne größere Schäden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.10. 2005)

Von Peter Illetschko

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FFG

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  • Experten hoffen, dass das Ablaufdatum von Envisat von 2007 auf 2010 verschoben werden kann. Einer der Gründe: Bis auf ein Instrument funktionieren alle noch einwandfrei.
    foto: standard/esa

    Experten hoffen, dass das Ablaufdatum von Envisat von 2007 auf 2010 verschoben werden kann. Einer der Gründe: Bis auf ein Instrument funktionieren alle noch einwandfrei.

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