Büchsengeklapper

17. Oktober 2005, 22:11
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Heute war es also soweit: Ich habe mich frei gekauft. So wie fast alle Lieblingsmenschen...

Es war am Wochenende. Und dass auch Kinder, die nicht schon von Weitem nach Großraumdisco-und-das-war-es-dann aussehen, sich mittlerweile schon an mich und Meinesgleichen heranmachen, ist einigermaßen erschreckend: Als Berufs- und Permajugendliche von eigenen Gnaden können wir auf derlei Beweise gerne verzichten. Heißt die nächste Stufe nämlich, dass mir in der U-Bahn jemand den Sitzplatz anbietet. Und als das jüngst einem Kollegen passiert ist, haben wir doch alle sehr herzlich gelacht: Der Knabe ist zwei Jahre jünger als ich.

Egal. Denn darum soll es hier gar nicht gehen. Obwohl es komisch aussieht, wenn dann an den Ich-bin-so-leiwand-dass-es-weh-tut-Freitagtaschen plötzlich diese Aufkleber picken, die die Barbourjackenfraktion in unseren Augen immer so eindeutig als „erwachsen“ etikettiert – also abgestempelt -hat: Weil man vor den scheppernden Quälgeistern als Erwachsener eben nur dann Ruhe hat, wenn man ein Rotkreuz- oder Stefansdompickerl trägt. Ab einem gewissen Mindestalter.

Freikaufen

Heuer war es also soweit: Ich habe mich frei gekauft. So wie – und das hat mich beruhigt, schließlich hält das die Familie zusammen – fast alle Lieblingsmenschen. Und so wie auch ich, wussten wir ab Samstag Mittag – wenn die Schulzeit endet, sind die Büchsen wie vom Erdboden verschluckt und die Pickerln lösen sich in Luft auf – nicht mehr, ob wird den Dom oder das Kreuz oder sonst was gerettet hatten.

Aber eigentlich, meinte B. am Sonntagnachmitag, sei das ohnehin logisch. Oder sei vielleicht einer von uns mit Herz für die Sache scheppernd im Zweierpack durch die Stadt gezogen? Eben: Wir hätten schulfrei bekommen –der Grund war egal. Wichtig sei gewesen, dass sich genug Klassenkameraden zum Sammeln meldeten – damit der Unterricht zur Gänze entfiel und man nicht am Sonntag daheim nacharbeiten musste.

Dom oder Parkhaus

Der Dom? B. lachte: Der sei egal gewesen. Man habe sich halt davor getroffen – weil er so zentral liegt. Aber ein Parkhaus hätte es da auch getan. Damals. Und vom Roten Kreuz wusste man auch bloß als Prüfungsfrage („Welches Ereignis hatte wann auf wen einen derartig nachhaltigen Einfluss, dass ...“) – nur die Zivildienstplaner hatten mehr Ahnung.

Stimmt, pflichtete G. bei. Aber Sammeln sei dennoch wichtig gewesen: Man habe wegen der Unterrichtsabsagemindestschülerzahl das erste Mal verstanden, was eine kritische Masse ist. Und der Umgang mit den Dosen sei ein Crashkurs im Manipulieren von Geldeinwürfen und Drahtbiegen gewesen: Irgendwer hatte es immer irgendwie geschafft – oder es zumindest behauptet – Münzen aus der Büchse zu holen. Oder sie nicht richtig hineinfallen zu lassen. Oder an Draht und Plombe so herumzuhantieren, dass die Büchse auf- und dann wieder zu ging.

Späte Ehrlichkeit

Und auch wenn wir das – wir nickten einander in einem kollektiven Anfall später Ehrlichkeit zu – selbst nie geschafft hätten, habe es ja tatsächlich Leute gegeben, die am Samstag zu Mittag - am Flohmarkt, immer am Flohmarkt - relativ schwere Büchsen herumreichten und am Montag dann nur ein sanftes, leichtes Scheppern produzieren konnten. Vielleicht, mutmaßte G., rühre ihre anhaltende Skepsis gegenüber allen eifrigen Sammlern ja daher.

Bei uns, erinnerte ich mich, war das mit den leeren Büchsen aber auch problematisch: Wenn gar nichts – oder zu wenig – drin war, drohte der Sammel-Lehrer, die Sammelzeit nachträglich als unentschuldigte Fehlstunden einzutragen. Das motivierte einigermaßen. Einmal entdeckte ich auf meiner Sammelbüchsen aber – vom Lack schon ein bisserl zugekleistert – eine Prägung. Schmirgelpapier verschaffte mir Gewissheit: „Winterhilfswerk“ stand da. Aus dem Blech nach außen getrieben. Daneben Reichsadler und Hakenkreuz.

Für das Reich?

Insgesamt hatten vier von zehn Sammelteams unserer Klasse diese alten Dosen bekommen. Wir gaben die Dosen ohne am Montag ohne einen Groschen drin zurück – und prompt begann die für das Sammeln zuständige Lehrerin zu toben. Wir drehten die Dosen um: Uns Schülern sei ja egal, wofür wir sammelten – solange wir schulfrei hätten. Aber ob sie und denn wirklich für das Reich auf die Straße schicken wolle? Hätten wir da nicht Uniformen bekommen müssen? Und wieviel Einsatz sie denn für angebracht gehalten hätte? Die Lehrerin (sie unterrichtete Deutsch und Geschichte und war eigentlich in Ordnung) wurde blass, stellte die Dosen zur Seite – und sagte nie wieder etwas. Obwohl wir nie wieder so alte Dosen bekamen – und die trotzdem immer leer zurückbrachten.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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