Wodka aus dem Swimmingpool

16. Oktober 2005, 20:48
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Anton Tschechows "Drei Schwestern" zum Start des Landestheaters Niederösterreich

St. Pölten - Telegrafenarbeit sei eine Arbeit ohne Poesie!, jammert eine der drei musisch gebildeten Generalstöchter aus Anton Tschechows Drei Schwestern irgendwo in der russischen Provinz. Im Gouvernementstädtchen gibt es leider keine ihren Ansprüchen angemessene Verwirklichungsmöglichkeit außerfamiliärer Natur.

Fallweise möchte man in Oliver Haffners St. Pöltner Inszenierung auch so etwas wie ein emanzipatorisches Triptychon erkennen: Olga, Mascha und Irina (Katrin Stuflesser, Gerti Drassl und Karin Yoko Jochum) versuchen dem in Ödnis zementierten Landleben als die Gesellschaft bitter entbehrende "Frauen" zu entkommen.


Perücken fallen

Im Nahkampf mit den vorherrschenden Verhältnissen fallen den Damen dabei auch immer wieder die oft gewechselten Perücken wie verbrauchte Reibeflächen ab. Das ist eine kluge und in ihrer Darstellung stets geglückte Konstante eines insgesamt an inszenatorischer Unentschlossenheit leidenden Abends.

Er bot - nach der freitägigen Premiere von Carl Djerassis Narziss-Stück Ego - die zweite Eröffnungsproduktion des nunmehrigen Landestheaters Niederösterreich (vormals: Stadttheater St. Pölten).

Neointendantin Isabella Suppanz, langjährige Dramaturgin an der Josefstadt sowie Leiterin des Theaterfestes "Grenze im Fluss - Meja na reki" in Bad Radkersburg, weist mit Blick auf die Stückwahl jede Provinzdebatte zurück. "Drei Schwestern ist schlicht mein Lieblingsstück. Hier werden ganz zeitgenössische Befindlichkeiten wie Langeweile, Antriebs- oder Arbeitslosigkeit verhandelt."

Genau diese Themen verschwimmen auf der St. Pöltner Bühne. Aber nicht, weil ein Swimmingpool (er dient allein der Wodkakühlung) auf der in die Parkettreihen hineinragenden Vorderbühne thront: Sondern weil den Regisseur mehr als die Nöte der in der "Wüste" (Mascha) ausgesetzten Frauen die russische Folklore interessiert. In einer Holzverschlagsdatscha vor naturgrüner Fototapete (mit Schlitzen, die raffinierte Auftritte ermöglichen; Bühne: Dietlind Rott) wird wild Party gefeiert, und zwischen den Akten fetzt die Russendisko als purer Stimmungsmacher. Spätestens da wird die undramatische Dramatik des Herrn Tschechow hart umgedeutet. Aber in was? Es könnte auch Neil Simon sein.

Nach freundlichem Applaus verließ das Publikum das Zwielicht dieser Stadttheatermischkulanz. Sie war in ihrer Üppigkeit kurzweilig.

Mit vielen Gästen aus dem (per Intercity) nur 40 Minuten entfernten Wien (das Theater liegt fünf Gehminuten vom Bahnhof!) bestreitet Suppanz ihre erste Saison. Erika Pluhar und Werner Schneyder folgen am kommenden Wochenende mit Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2005)

Von Margarete Affenzeller
  • Karin Yoko Jochum , Gertrud Drassl und Katrin Stuflesser in Tschechows "Drei Schwestern"
    foto: lukas beck/landestheater niederoesterreich

    Karin Yoko Jochum , Gertrud Drassl und Katrin Stuflesser in Tschechows "Drei Schwestern"

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