Das Duell der ungleichen Gegner

3. November 2005, 11:22
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Der nüchterne Universitätsprofessor gegen den Medienprofi - Gemeinsam ist ihnen die Verachtung füreinander

Rom - Die erstmals abgehaltenen Vorwahlen des Linksbündnisses endeten am Sonntag mit zwei großen Überraschungen: Statt der erwarteten 500.000 bis 700.000 Wähler nutzten über 4,2 Millionen Mitte-Links-Sympathisanten die Gelegenheit, über den Spitzenkandidaten für die Parlamentswahlen abzustimmen. Und: Das Ergebnis des Favoriten Romano Prodi übertraf mit 74,6 Prozent der Stimmen bei weitem die Erwartungen. Kommunistenchef Fausto Bertinotti schaffte dagegen nur 14,6 Prozent. Prodi sprach von einem "beeindruckenden Akt der Demokratie" und wertete das Ergebnis als Auftrag, für eine Ulivo-Einheitsliste zu arbeiten. Damit will er sich bei den Parlamentswahlen als direkter Gegner von Silvio Berlusconi positionieren.

Ungleiche Gegner

Wenn es ein Gefühl gibt, das Romano Prodi und Silvio Berlusconi eint, dann ist es die Verachtung füreinander. Die vermag auch der italienische Regierungschef kaum zu verbergen, obwohl er unter den beiden Rivalen zweifellos den besseren Schauspieler abgibt.

Gegensätzliches Temperament diktiert das Vokabular, in das die Kontrahenten ihre Verachtung kleiden. Akademisch und etwas hölzern der nüchterne Universitätsprofessor Prodi, publikumswirksam und scharfzüngig Silvio Berlusconi.

Ein zweites Gefühl eint die beiden Gegenspieler: die Angst, das große Duell zu verlieren. Begreiflich, dass der Premier nach der Verabschiedung des neuen Wahlgesetzes seiner Hochstimmung freien Lauf ließ. Ihm war gelungen, was noch vor wenigen Wochen unmöglich schien: seine zerstrittene Koalition zu einen, den Widerstand der aufmüpfigen Christdemokraten zu brechen und wenige Monate vor den Parlamentswahlen die Karten durch Änderung des Wahlsystems neu zu mischen.

Strategie durchkreuzt

Den Albtraum der von den Demoskopen prophezeiten schweren Niederlage hat Berlusconi damit zumindest vorerst gebannt. Gleichzeitig durchkreuzte er die politische Strategie seines ungeliebten Konkurrenten Romano Prodi. Das neue Wahlrecht begünstigt die Rückkehr zur Parteienwillkür. Nach Abschaffung der Vorzugsstimmen muss sich der Wähler nicht mehr für Personen, sondern für Parteien entscheiden. Das trifft Prodi an seiner empfindlichsten Stelle.

Denn der ehemalige EU-Kommissionspräsident muss mit einer europaweit fast einmaligen Anomalie leben: Er will Premier werden, ohne über eine Partei zu verfügen. Das neue Gesetz vereitelt Prodis Absicht, als unabhängiger Kandidat auf der Liste der Linksdemokraten zu kandidieren.

Zwistigkeiten zu säen

Berlusconis Kalkül, das Linksbündnis in neue Zwistigkeiten zu stürzen, ist damit aufgegangen. Soll Prodi, wie ihm Massimo D'Alema, der Präsident der Linksdemokraten, nahe legt, auf einen Sitz im Parlament verzichten? Soll er dem Drängen Francesco Rutellis nachgeben und für dessen linkskatholische "Margherita" kandidieren? Soll er eine eigene Lista Prodi aus der Taufe heben und damit die Linksdemokraten brüskieren?

Dass Prodi am Sonntag als klarer Favorit in die Wahl des Spitzenkandidaten der Opposition für die Parlamentswahlen im kommenden Jahr ging, weist ihm keinen Ausweg aus dem Dilemma. Im Gegenteil: Die erstmals abgehaltenen Vorwahlen führen zu neuem Gezänk unter den Kleinparteien des Linksbündnisses. Wozu eine demokratische Legitimation für einen Bewerber, der bereits als Spitzenkandidat feststeht? Wer würde verhindern können, dass militante Parteigänger ihre Stimme in zehn verschiedenen Wahlsitzen abgeben?

Drei von Prodis Mitbewerbern nahmen am Wochenende in Rom an einer von ihm abgelehnten lautstarken Kundgebung gegen die Dienstleistungsrichtlinie des früheren EU-Kommissars Frits Bolkestein teil: der kommunistische Parteichef Fausto Bertinotti, der Obmann der Grünen, Alfonso Pecoraro Scanio, und die Kandidatin der Antiglobalisierungsbewegung, Simona Panzino.

"Getürktes Manöver"

Zur selben Zeit erklärte ein weiterer Mitbewerber die Vorwahlen zu einem "getürkten Manöver". Die Zahl der Wahllokale in seiner Region Kampanien sei "absichtlich niedrig gehalten" worden, um ihn zu benachteiligen, wetterte der Christdemokrat Clemente Mastella. "Damit ist das Linksbündnis für mich gestorben", so Mastella zum Corriere della Sera. Gewinnt Prodi die Vorwahlen wie erwartet mit rund 60 Prozent der Stimmen vor Bertinotti mit rund 20, hat er die von ihm gewünschte klare Legitimation durch die Wähler erhalten. Doch der Kommunistenchef wird es nicht versäumen, seinen Achtungserfolg in politisches Bargeld umzumünzen.

Silvio Berlusconi hält Vorwahlen für eine überflüssige Zeitverschwendung. Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er sich für den einzig möglichen Spitzenkandidaten des Rechtsbündnisses hält. Doch die von ihm durchgesetzte Änderung der Spielregeln muss erst vom Senat abgesegnet werden. Gut möglich, dass ihm dort ein paar verdrossene Christdemokraten noch einen Strich durch die Rechnung machen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2005)

Von Gerhard Mumelter aus Rom
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