Dada versus Geschlecht

22. Dezember 2005, 13:14
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Die Revolte des Dadaismus gegen Traditionalismus kapitulierte vor überkommenen Frau-Mann-Metaphern

Im Prinzip ist es keine Überraschung, das lehrt uns ein Blick in die neuere Geschichte zur Genüge. Kunst bleibt - en gros - im Patriarchalen gefangen, wie sollte es anders sein? Nachdem nicht einmal im künstlerischen Auftritt der 68er-Revolte eine Zäsur im traditionalistischen Geschlechtergefüge möglich war - Risse schon, feine Haarrisse, die vornehmlich den weiblichen Akteurinnen der 60er- und 70er-Jahre zu verdanken sind - die rebellischen Männer hielten sich ganz im Sinne des "Nebenwiderspruchs" lieber an das Männchen-Weibchen-Schema, verhielt es sich beim Dadaismus ähnlich, um nicht zu sagen deckungsgleich.

Dada: Gegen alles?

Wobei beide Strömungen, rein zeitdimensional betrachtet, der Faschismus trennt, und zu betonen ist, dass Anfang der 30er-Jahre aufgrund des Aufkeimens desselben ein weitaus größeres revolutionäres Potential gewissermaßen auf der Hand gelegen ist. Eine Revolte produzierte der Dadaismus natürlich per se. Verstand er sich nicht bloß als eine Auflehnung gegen die künstlerische Tradition, sondern darüber hinaus als eine gegen die waltenden (Gesellschafts)Politiken und vor allem gegen Traditionalismus in jeder Form. Dada war - und das ist keine legere Ungenauigkeit - im Prinzip gegen alles. Umso verblüffender und gleichzeitig paradigmatisch, dass Dada in den uralten Zuschreibungen des Geschlechterverhältnisses verblieb und sich nicht dorthin wagte, wo die Grundsteine jeglicher Strukturen gelegt werden: im dichotomen Modell von Frau und Mann.

Zu orten ist also eine Traditionskontinuität, "wie sie typisch ist für die patriarchale Gesellschaft", schreibt Ruth Greter Nobs in ihrem Artikel "Dada im Spannungsfeld patriarchaler Denkstrukturen" (in: "da da zwischen reden", hg. von Julia Dech, 1991): "Frauenfeindlichkeit im allgemeinen und Kompetenzbeschneidung der Künstlerinnen im besonderen". Daraus sei zu schließen, dass die Dadaisten auf dem Fundament und nicht gegen das Fundament des Patriarchats rebellierten und dass sie es sogar weiter ausbauten. Und dieses Fundament ist, wie vorhin erwähnt, von der Denkstruktur des Dualismus geleitet, welches seit der Antike sowohl die abendländische Ratio als auch das daraus folgende Handeln beherrscht.

Dichotomes Verständnis

Ausgehend vom biologischen Faktum zweier Geschlechter wurde dieser Dualismus zum Vorbild und zur Schaffung aller anderen Dichotomien herangezogen, von denen vor allem die Gegensatzpaare Natur / Kultur und passiv / aktiv hinlänglich bekannt sind. Dementsprechend entstanden auch in der Kunst und ihrer Geschichte polare Begriffskonstruktionen. Beispielsweise unternahm Alois Riegl in seiner Schrift der "Historischen Grammatik der bildenden Künste" den Versuch, jene aus ihrem Bezug zur Natur zu sehen und differenzierte organische und anorganische Motive. Diese Vorgehensweise assoziiert das Bestreben der Naturüberwindung mittels rationalem Denkens, den Wunsch nach Vergeistigung, die Vision einer Vernunft, die der Natur nicht bloß entgegensteht, sondern ihr übergeordnet sein sollte. Außer Frage steht, welchen Polen die Geschlechter diesbezüglich zugewiesen wurden.

Subjekt - Objekt

In diesem Verständnis und auf diesem als allgemein gültig geltenden Fundament erweist sich der Dadaismus lediglich als eine neue Form der Polarisierung. Der Dadaist wird als Mann gedacht. Sein primäres Ziel, sich von gängigen Gruppierungen, von der Masse, vom Bürgertum etc. abzuheben - indem er gegen alles ist - außer gegen geschlechtliche Hierarchisierungen, zeigt sich vor allem in seinem Beharren darauf, Individualist zu sein. "Doch gerade das Zelebrieren ihrer Individualität lässt sich als ein Gemeinsames erkennen, das einen wesentlichen Aspekt der patriarchalischen Subjektbildung ausmacht, nämlich: das Individuum Mann contra Gattung Weib", schreibt Ruth Greter Nobs. Huelsenbeck hat dieses "dadaistische Subjekt", das als "neuer Mensch" Antipode zum "Spießer" sein sollte, 1917 wie folgt charakerisiert: "Der neue Mensch ist ehrlich und wahrhaft, ganz männlich".

Dem Dadaisten blieb die Frau daher lediglich ein notwendiges Objekt, zuallererst ein sexuelles, wohinter er seine Zerrissenheit zu verbergen suchte. Insofern ist der rein männliche Subjektentwurf ganz und gar keine spezielle dadaistische Vision, sondern haarscharf im malestream patriarchaler Dichotomien. Die Polarisierung des eigenen Ich im anderen, nämlich der Frau, war auch dem Dadaisten Existenzbedingung, wie dies Charles Baudelaire an anderer Stelle - über den Dandyismus - ausgedrückt hat. (Dagmar Buchta)

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    Grotesk (1963) von Hannah Höch
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