Fastest Ofenrohr in Town

23. November 2006, 21:02
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Manchmal erkennt man den Sinn eines Fahrrad-Rahmens erst, wenn man sein Aussehen beiseite schiebt - Bike-History, Teil 3

Man könnte das Paris Galibier als völlig verunglückten Seitenzweig der Fahrradgeschichte beiseite schieben, locker beim ersten Hinschauen: Nicht ungebührlich ist der Gedanke, dass da ein paar Rohre amputiert wurden, und um die Steifigkeit ansatzweise wieder einzubauen, hat jemand ein paar Querverbindungen eingelötet.

Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Rohren ist das Rohr, sozusagen. Tatsächlich hat alles seinen tieferen Sinn, zumindest nach Harry Rensch, dem Tüftler hinter den Paris-Rahmen: Je kürzer ein Rohr, desto weniger Verwindungen gehen sich aus. Und durch die etwas seltsame Geometrie wird der Hinterbau kürzer, was der Steifigkeit abermals unter die Arme greift.

So lässt sich zumindest ansatzweise der Knick im Sattelrohr erklären, der beim Hinschauen doch ein bisserl weh tut, das machen auch die kunstvoll gefeilten Muffen nicht völlig wett. Zumal es sich um keine Muffen handelt.

Die Rohre wurden beim Paris Galibier nämlich verschweißt, dann wurden von außen die beiden Muffenhälften an die Verbindungsstellen gelötet. Was jetzt ein wenig bescheuert klingt, erhöhte immerhin die Steifigkeit an den kritischen Punkten.

Harry Rensch fertigte seit 1935 auch Räder mit klassischer, also unauffälliger Geometrie, berühmt war sie vor allem für besonders aufwändige Lackierungen. Während des zweiten Weltkrieges soll der erste Vorläufer des Paris Galibier entstanden sein, angeblich, nachdem Harry Rensch ein ähnliches Fahrrad in Frankreich gesehen hatte.

1946 begann die Serienfertigung des Galibier, parallel zu Modellen mit konventioneller Rahmengeometrie, 1952 war schon wieder Schluss: Harry Rensch verschwand spurlos, bis heute ist sein Verbleib ungeklärt.

Die Steifigkeit des Paris Galibier lässt sich heute noch nachvollziehen, und immerhin ist das Design zu einem Klassiker gereift, begehrt bei (einigen) Sammlern.

Ein kurzes Aufflackern des Galibier gab’s 1982, als der Paris-Enthusiast Michael Kemp gemeinsam mit Tom Board, der schon bei Harry Rensch als Rahmenbauer beschäftigt war, wieder Paris-Rahmen fertigte – und zwar gesamte Modellpalette, nicht nur das Galibier. Der Verkaufserfolg allerdings blieb aus, auch die Replika-Serie findet heute schon Eingang in Rennrad-Sammlungen. (Dietrich P. Dahl, 16.10.2005)

  • Teilamputiert: das Paris Galibier.
    foto: dahl

    Teilamputiert: das Paris Galibier.

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