Gefiederte Lehrer der "Clowns der Berge"

14. Oktober 2005, 21:48
1 Posting

Wiener Forscher studieren soziales Lernen bei Keas, den neuseeländischen Papageien, die alles andere als scheu sind

Soziales Lernen, also das Erlernen neuer oder das Verbessern bekannter Verhaltensweisen durch das Beobachten anderer Individuen, dürfte eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der menschlichen Kulturen gespielt haben. Auch von den Menschenaffen kennt man das Phänomen, dass die Tiere sich Problemlösungen oder neue Ideen von erfahreneren beziehungsweise innovativeren Gruppenmitgliedern aneignen. Dabei handelt es sich nicht um eine triviale Erscheinung: Selbst Tiere, die in vieler Hinsicht als intelligent betrachtet werden dürfen, sind nicht unbedingt imstande, vom Nachbarn zu lernen.

Ideale Forschungsobjekte

Keas sind Papageien, die in den montanen Gebieten der neuseeländischen Südinsel leben und dort als "Clowns der Berge" gelten, weil sie alles andere als scheu sind und vor allem alles untersuchen, was ihnen vor den Schnabel kommt - ein Verhalten, das sie für Touristen attraktiv macht (solange sie ihnen nicht die Scheibenwischer vom Auto zupfen, was immer wieder vorkommt), aber auch für die Wissenschaft. Keas sind nämlich nicht nur extrem neugierig, sondern erfüllen auch noch einige andere Bedingungen, die für das Entstehen von sozialem Lernen verantwortlich gemacht werden, wie Langlebigkeit (die Vögel werden bis zu 30 Jahre alt), lange Abhängigkeit von den Eltern, komplexe Sozialverbände, Nahrungssuche in der Gruppe und Verhaltensflexibilität.

Der Kognitionswissenschafter Ludwig Huber vom Institut für Zoologie der Universität Wien widmete sich mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds geförderten Projektes dem sozialen Lernen bei Keas, und zwar sowohl an frei lebenden als auch an Volieren-Vögeln. Wie sich dabei herausstellte, ist das Umlegen von Testergebnissen von gefangenen auf wilde Tiere mit einem gewissen Fehlerrisiko behaftet.

Lernen durch Beobachtung

Das spektakulärste Ergebnis erbrachte eine Versuchsanordnung, bei der Volieren-Keas, um an den Inhalt einer Futterkiste zu gelangen, drei Schlösser öffnen mussten, indem sie einen Riegel aufschoben, einen Stift herauszogen und eine Schraube herausdrehten. Nachdem zwei Vögel gelernt hatten, diese Aufgabe zu bewältigen, durften ihnen andere dabei zuschauen. In der Folge öffneten die Beobachter viel öfter und zielstrebiger Verschlüsse als Vögel, die keinerlei Anleitung erhielten - auch wenn es keiner der Beobachter geschafft hatte, die Kiste ganz zu öffnen. Zwar imitierten Erstere ihre Lehrer nicht, lernten aber offenbar durch die Beobachtung etwas über die prinzipielle Beschaffenheit der Schlösser, etwa dass man sie überhaupt öffnen konnte. Man nennt das Emulation, und es handelt sich dabei um den weltweit ersten Nachweis dieses Phänomens bei einer anderen Art als Menschenaffen.

Freilebende Keas erfolglos

Im Freiland bot sich den Forschern jedoch ein ganz anderes Bild. Sie konfrontierten frei lebende Keas im Mount-Cook-Nationalpark in Neuseeland mit Butter enthaltenden Röhrchen an aufrecht stehenden Stäben. Um an den Leckerbissen zu kommen, musste das Röhrchen zuerst vom Stab entfernt werden. Die Keas bearbeiteten die Butterröhrchen eifrig, waren aber selbst nach 25 halbstündigen Versuchen so erfolglos im Entfernen, dass ein einzelner Kea als Lehrer antrainiert wurde. Doch auch dann waren nur zwei von fünfzehn Keas erfolgreich, und es wies nichts darauf hin, dass oftmaliges Beobachten daran etwas geändert hätte.

Bei den Gefangenschaftsvögeln entfernten fünf von acht Keas innerhalb weniger Versuche das Röhrchen erfolgreich, und zwei weitere schafften es nach ein paar Demonstrationen. Ebenso ernüchternd waren die Beobachtungen frei lebender Keas bei einem Hotel in Mount Cook Village. Die Vögel machen sich dort oft wegen der darin enthaltenen Essensreste an den großen Mistkübeln zu schaffen, doch nur fünf von 36 Tieren bringen es fertig, deren Deckel aufzuklappen, obwohl viele es immer wieder versuchen und alle ausreichend Gelegenheit haben, die nötige Technik zu beobachten. Und das, obwohl die Vögel im Winter Hunger leiden.

Faktor "Inkulturation"

Woher der auffällige Unterschied zwischen Keas in Freiheit und in Gefangenschaft kommt, ist ungeklärt. Denkbar wäre laut Gyula Gajdon, einem Mitarbeiter Hubers, dass es sich um "Inkulturation" handelt, ein Begriff, der für Menschenaffen geprägt wurde und sich auf die kognitionsfördernde Wirkung einer menschlichen Umgebung bezieht. Zweifelsohne sind Volieren-Keas öfter mit komplizierten Handlungen konfrontiert als frei lebende Vögel: Über Jahre hinweg könnte das zu einer Sensibilisierung für entsprechende Verhaltensweisen führen.

Geradezu bravourös meisterten die Volieren-Keas eine andere, von Kolkraben und anderen Vögeln bekannte Versuchsanordnung: Dabei sind Leckerbissen an langen Schnüren befestigt, die von einer Sitzstange hängen - eine Situation, die es im normalen Umfeld der Keas nie gibt. Um das Futter zu erreichen, muss der Vogel die Schnur mit dem Schnabel in die Höhe ziehen, sie mit dem Fuß festhalten und dann die Prozedur einige Male wiederholen, bis das Futter oben auf der Stange ist und gefressen werden kann. Mit Ausnahme eines sehr jungen Vogels waren alle Versuchstiere innerhalb kürzester Zeit erfolgreich. Bei weiteren Versuchen, wo sie aus zwei gekreuzten Schnüren diejenige mit dem Futter herausfinden mussten, wählten sie ebenfalls signifikant öfter die richtige Schnur.

Weiterer Versuch

Durch diese Ergebnisse ermutigt, stellten Kognitionswissenschafter Ludwig Huber und eine Mitarbeiterin den Volieren-Keas eine neue Aufgabe, um ihre Einsicht zu testen. Zuerst mussten die Vögel mit Hilfe eines Kolbens eine Belohnung aus einer durchsichtigen Röhre holen. Jeder der sechs Versuchsteilnehmer schaffte das innerhalb weniger Minuten. In der als Trap-Tube-Task bekannt gewordenen Versuchsanordnung, mit der die Verwendung von Werkzeug getestet wird, enthält die Röhre auf einer Seite eine Falle, sodass die Belohnung nur auf einer bestimmten Seite herausgezogen werden kann. In diesem Experiment zeigten die Keas in insgesamt 100 Versuchen weder Einsicht noch irgendwelche Lerneffekte.

Ähnliche Ergebnisse kennt man von Studien an Primaten, was auf ähnliche Dispositionen bei Vogelarten mit großem Hirn und Primaten hinweist. Ein Dutzend der Volieren-Keas sind übrigens am Konrad-Lorenz-Institut für Verhaltensforschung in Wien untergebracht und weitere sechs im Tiergarten Schönbrunn, wo man ihnen auch als Laie beim Spielen und Explorieren zuschauen kann. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10. 2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Keas sind nicht nur extrem neugierig, sondern erfüllen auch noch einige andere Bedingungen, die für das Entstehen von sozialem Lernen verantwortlich gemacht werden.

Share if you care.