"Niemand braucht Motivation"

18. Juli 2006, 13:46
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Statt mit Incentives hält man Mitarbeiter mit idealen Rah­men­be­dingungen bei Arbeitslaune. Denn jeder Mensch ist per se motiviert

Statt Prämien oder Incentives zu verteilen, empfiehlt der Motivationsexperte Reinhard K. Sprenger, die Mitarbeiter mit idealen Rahmenbedingungen bei Arbeitslaune zu halten. Denn jeder Mensch sei per se motiviert und müsse nicht extra angetrieben zu werden.


Prämien, leistungsabhängige Bonussysteme, Incentives oder Aktienoptionen - vielfältig sind die Karotten, die Mitarbeitern animierend vor die Nase gehalten werden. Die Absicht, die hinter all diesen Extras steckt, ist keine schlechte: Die Mitarbeiter sollen motiviert werden, ihr Äußerstes zu geben, und sie sollen sehen, dass sich der Einsatz lohnt.

Der Haken an diesem Karotten-Modell: Es führe letztlich zu Demotivation, sinkender Leistungsbereitschaft und schwindender Arbeitsmoral, weil sich hinter der vermeintlichen Belohnung "instrumentalisiertes Misstrauen" des Chefs gegenüber seinen Mitarbeitern offenbare, behauptet Reinhard K. Sprenger. "Wer glaubt, dass die Mitarbeiter motiviert werden müssen, unterstellt ihnen Faulheit und prinzipielle Arbeitsunlust", erklärt Sprenger den Mechanismus, der zu Demotivation führe. Der Sachbuchautor ist mit der Warnung vor dem "Mythos Motivation" zu "Deutschlands einzigem Management-Guru, der diesen Titel wirklich verdient" (Financial Times Deutschland) geworden.

Auch in Österreich ist Sprenger als Vortragender und Leiter von Seminaren rund um die Themenfelder Führungsfragen, Motivation oder Konfliktmanagement mehrmals im Jahr zu Gast, wie diese Woche auf Einladung des ÖPWZ (Österreichisches Produktivitäts- und Wirtschaftlichkeits-Zentrum).

Zu seinen Seminaren kommen vor allem Führungskräfte, Unternehmer und Personalverantwortliche, die, so Sprenger, eines gemeinsam haben: "ein Menschenbild, das von einem hohen Ausmaß an Selbstverantwortung des Einzelnen ausgeht". Und das annimmt, jeder Mensch sei per se motiviert, wolle Leistung erbringen. Wer seine Mitarbeiter so betrachte, müsse nicht über Motivations-Karotten nachdenken, sagt Sprenger, sondern allenfalls über verbesserte Rahmenbedingungen und darüber, ob die Leute so eingesetzt sind, dass deren Talente optimal genutzt werden.

Bereits 1991 schrieb Sprenger, der Doktor der Philosophie ist und von den wichtigsten Dax-Unternehmen als Berater engagiert wird, das Sachbuch, das ihn bekannt gemacht hat: "Mythos Motivation". Seither versucht er Führungskräften auszureden, dass sie ihre Mitarbeiter motivieren. "Mein Vorschlag ist: Stellen Sie sich vor die Leute, und sagen Sie explizit, ich bin nicht dazu da, euch bei Laune zu halten und euch zu motivieren."

Warum wird seine Botschaft zwar so oft gehört, aber offenkundig so wenig umgesetzt? Sprenger kontert mit einem Goethe-Zitat: Alle Veränderungen resultieren aus Leid. "Menschen ändern ihr Verhalten erst dann, wenn sie gewaltig auf die Schnauze fallen." Das passiere jedoch nicht, weil auch schlechter Führungsstil nur in Ausnahmen unangenehme Konsequenzen habe, sagt Sprenger. (Der Standard, Printausgabe 15./16.10.2005)

Von Susanne Rössler
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