Kargheit im Aufwind

3. November 2005, 23:38
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Der trockene Boden hinter Triest gibt sich im Herbst besonders großzügig

Die weiß gestrichenen Fensterläden lassen sich leicht aufdrücken. Sonne flutet das Zimmer im obersten Stock des Hotel Riviera und sobald sich die Augen an das Licht gewöhnt haben, fliegt der Blick weit hinaus: Vor einem breitet sich das blaue Meer aus. Zwischen Küste und Horizont liegen drei, manchmal mehr Öltanker, die wie schwere, behäbige Tiere im Wasser liegen und auf die Einfahrt in den Hafen warten. Zwei Stockwerke darunter liegt die Hotelterrasse mit den Kastanienbäumen. Das Gartenmobiliar aus den 60er-Jahren, die geschwungenen Sessel und Tische, vermitteln mit mediterraner Leichtigkeit Melancholie und verwitterte Eleganz.

Gleich neben der Terrasse, wo noch Tische für das Frühstück eindeckt werden, führen gezählte 192 Steinstufen, auf der sich kleine Eidechsen wärmen, durch einen wuchernden Garten die Steilküste hinunter zum Seebad: Links vorbei hinter grün gestrichenen Badekabinen aus Holz führt ein asphaltierter Weg in Richtung der nächsten kleineren Bucht: Vorbei an den abgespannten Schirmen aus gebleichtem roten Tuch, vorbei am Kellner des kleinen Küstenrestaurants, der Tische und Sessel zurechtrückt, vorbei an den Fischern, die an der Küstenmauer der kleinen Marina stehen, warten und an ihren Zigaretten ziehen. Hier denkt niemand ans Laufen.

Auslaufmodelle

Ein großes Eisentor (das um acht Uhr aufgesperrt wird) markiert das Ende dieser kleinen Straße. Dahinter führt ein steiler Weg hinauf in einen Park. Erst auf diesen schattigen Pfaden zwischen den Zedernbäumen kreuzen ein paar morgendliche Jogger den Weg. In ein, zwei Stunden werden sie abgelöst von einigen Touristen, die hier auf der Suche sind nach einem Ort der Ruhe, den hier bereits Maximilian, Erzherzog von Österreich und Bruder von Kaiser Franz Josef, fand. Wer das Schloss einmal umrundet findet ihn auch, diesen Ort der Ruhe - eine Steinbank, eine Balustrade, nur die schweren, weißen, neogotischen Mauer von Miramare im Rücken - und endlich den Blick auf die Stadt Triest.

"Es ist die Stadt der Gegensätze, der Kontraste und der Brücken zwischen den Kulturen", beschreibt der Ex-Verleger und Krimiautor Veit Heinichen seine Wahlheimat. Lange lag die Stadt, praktisch eingeschlossen vom Eisernen Vorhang, am obersten Zipfel der Adria, in einem toten Eck Italiens. Wenn sich während der Sommersaison Menschenmassen durch die engen Straßen von Venedig quetschen, herrscht nur etwas weiter im Nordosten, auf den übergroßen Prachtboulevards von Triest, ein geschäftiges, aber nie unüberschaubares Treiben.

Triests Geschichte ist kaum 300 Jahre alt. "Triest, Stadt der Winde", heißt Heinichens neues Buch, es beschreibt, wie es die Triestiner aus allen Windrichtungen herbeitrieb, mit ihnen Ausdrücke, Geschmacksrichtungen und Besonderheiten, die bis heute Land und Leute prägen. "Die kalte Bora aus Nordost, die sich vom Hochplateau des Karsts auf die Stadt herabstürzt, brachte die Einflüsse aus der ehemaligen Doppelmonarchie", schreibt Heinichen weiter und was er da beschreibt, erfährt er oft am eigenen Leib, denn oben im Karst bei Santa Croce, über der Küstenstraße zwischen Duino und Triest - also gleich hinter dem Hotel Riviera - lebt der Autor.

Feinstes Trockenfutter

Und was dort oben im Karst seit Kurzem wieder dem kargen Boden abgetrotzt wird, etwa alte, wieder entdeckte Rebsorten, Olivenöle höchster Qualität oder Käse, der monatelang in tiefen Felsspalten reift, bekommt der typischen Triestiner Karstküche, die k. u. k. Einflüsse gekonnt mit der mediterranen Küche zu kombinieren weiß, ausgesprochen gut. Aber nicht nur deswegen lohnt sich ein Ausflug - weg von Küste, Strandbad und Meer.

Die Karstlandschaft ist eine Schönheit, wenn auch eine herbe, ganz besonders jetzt im Herbst. Schon die Anfahrt mit dem Auto über eine der kleinen Straßen, die direkt von der kurvigen Küstenstraße abbiegen, bringt Fahrer und Insassen in ungewohnte Steillagen, aber wer erst einmal oben ist am Plateau, wird von den Zügen rauer Schönheit angezogen. Der Karst ist wie ein zweites Meer aus Stein und Steinsplitter über dem Meer aus blauem Wasser. Kleine Straßen verbinden die Orte im Karst miteinander, Santa Croce mit Prosecco, San Pelagio mit Monrupino. Orte, mit den karsttypischen kleinen Steinwallen, die das rote Erdreich vor den Bora-Winden schützen, den wilden Kräutern, wie Salbei und Rosmarin, am Wegesrand, den kleinen Steinhäusern, die von außen wie Trutzburgen anmuten.

Rechnung ohne Wirt

Wer des Italienischen oder des Slowenischen mächtig ist (im Karst sind die Einheimischen meist zweisprachig) - und sich deswegen auf eigene Faust erkundigen kann - oder wer sich vorher an der Rezeption des Hotel Riviera bei Frau Benvenuti, der Chefin des Hauses höchstpersönlich, eine Liste von Namen und Adressen abgeholt hat, hat gute Chancen, eine der zahlreichen Buschenschanken, "Osmize" genannt, zu finden. Allerdings muss schon ein bisschen Glück mit im Spiel sein, dass dann auch tatsächlich eine geöffnet hat. Eine erste schnelle Hochrechnung ergab nämlich, dass im Karst im Schnitt von vier angepeilten Gaststätten, drei meist "chiuso" sind. Umso besser schmeckt aber dann der frisch aufgeschnittene Schweinsbraten, der rohe Schinken, der Karstkäse in einem mit Weinreben überwachsenen Innenhof, nahe an der slowenischen Grenze. Und die strohgelbe Farbe im Glas Vitovska beweist, dass die weite Ebene rundherum in den vergangenen Jahren zur anspruchsvollen Weinregion gereift ist.

"Auch dem Wanderer kann es ein Vergnügen sein, den Karst zu erkunden", weiß Veit Heinichen, "und selbst, wer sich mit einem Spaziergang zufrieden gibt, findet immer wieder schöne Wege." Die meisten wurden wieder in Schuss gebracht.

James Joyce und Italo Svevo haben hier zwischen österreichischer, slawischer und italienischer Kultur ihr Werk begründet. Und es ist kein Zufall, dass der Karst im Rücken von Triest, die Landschaft ist, in der sich Peter Handke auf langen Wanderungen fragt, "woher denn diese Freiheit kommt". Diese Freiheit - abseits von touristischen Trampelpfaden - ist die wahre Stärken Triests. Die Stadt ist ein perfekter Standort für vielschichtige Aktivitäten. Demnächst soll ein Schnellboot die beiden Adriastätte, Triest und Venedig, verbinden. Damit wäre man schnell in Venedig - aber auch schnell wieder weg. (Der Standard, Printausgabe 15./16.10.2005)

Von Mia Eidlhuber

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Enit

Magesta
  • Hinter dem Schloss von Miramare wartet bereits Venedig. Ein Schnellboot wird die Adriastadt bald mit Triest verbinden.
    foto: fototeca enit/ vito arcomano

    Hinter dem Schloss von Miramare wartet bereits Venedig. Ein Schnellboot wird die Adriastadt bald mit Triest verbinden.

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