Die Wahl zwischen Bergen

17. August 2006, 17:42
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Die Abenteuerstraße zwischen Oslo und Bergen ist im Oktober eine Gratwanderung zwischen den Jahreszeiten

Björg Wiik bewohnt die isolierteste menschliche Wohnstätte, so hat es jedenfalls vor ein paar Jahren eine amerikanische Zeitung ausgedrückt. Wir treffen die 74-Jährige in ihrer Mittagspause an. Sie sitzt vor dem mehr als 200 Jahre alten Haus und schaut in die Tiefe. Der kleine, von ihr allein bewohnte und bewirtschaftete Bauernhof Kjeaasen liegt auf der Kante einer 600 Meter senkrecht abfallenden Felswand über dem Eidfjord in Südnorwegen. Von hoch aufragenden Felswänden eingezwängt, zieht sich dieser Arm des großen Hardanger-fjordes weit nach Südwesten.

Bis vor einigen Jahren konnte man Kjeaasen nur über einen schmalen Pfad durch die Felswand erreichen, und alles, was dort oben gebraucht wurde, mussten Menschen auf ihrem Rücken hinauftragen. Wir sind über die schmale Autostraße zu Björg gekommen, die im Zusammenhang mit einem Kraftwerksbau inzwischen Kjeaasen und das nur noch gelegentlich bewohnte Nachbargehöft mit der Außenwelt verbindet. Der Hof hoch über dem Eidfjord ist nämlich eine Station am "Eventyrveien", der Norwegischen Abenteuerstraße, die seit ein paar Monaten die westnorwegische Hafenstadt Bergen mit der Hauptstadt Oslo verbindet.

Schon bald ahnen wir, dass diese Abenteuerstraße keine touristische Route ist wie die berühmte Romantische Straße oder etwa die Steirische Eisenstraße. Norwegen mit seiner grandiosen Naturlandschaft sprengt hier wie von selbst - und ohne dass es aufdringlich oder gekünstelt wirken würde - den üblichen Rahmen von Touristenstraßen.

Landschaftliche Events

Wir empfinden "Eventyrveien" als das Angebot, sich aus dem Reichtum der norwegischen Naturlandschaft oder den kulturellen Sehenswürdigkeiten, der sportlichen Aktivitäten oder auch der kulinarischen Genüsse eine jeweils eigene Route zusammenzustellen. Natürlich versuchen wir, kein "Abenteuer" auszulassen, den Hof Kjeaasen ebenso wenig wie den begehbaren Wasserfall Steinsdalsfossen, wo das stürzende Wasser über eine weit vorragende Felsnase wie eine mächtige nasse Wand in die Tiefe schießt und dabei genügend Platz dafür lässt, trockenen Fußes dahinterzugehen.

Am Eidfjord-Naturzentrum können wir nicht einfach vorbeifahren. Naturzentrum ist eine liebenswürdige Untertreibung, die Anlage präsentiert sich als das vorbildlich aufgemachte Informationszentrum des Nationalparks Hardangervidda, des mit mehr als 3500 Quadratkilometer Fläche größten der 16 norwegischen Nationalparks. Die rund 7000 Quadratkilometer große Hardangervidda ist die größte und einsamste Hochgebirgslandschaft Europas. Die größten Bestände an wilden Rentieren leben hier, und ein dichtes Netz von Wanderwegen von Hütte zu Hütte durchzieht das Plateau bis hin zu Gletscherwanderungen.

Natürlich lassen wir uns im Zentrum die Vorführung von Ivo Caprinos grandiosem Film über den Nationalpark nicht entgehen und verlassen 20 Minuten später leicht schwindlig das Kino, haben das Gefühl, mit dem Kamerateam im Aufnahmehubschrauber gesessen zu haben, der mit atemberaubender Geschwindigkeit auf Wasserfälle zu- oder in Felsschluchten hineingerast zu sein schien.

Bergbahnbauern

Nirgendwo anders als im Bereich dieser Straße gibt es für eingefleischte Radwanderer so eine Piste wie den Rallarweg. Fernab von jedem motorisierten Verkehr kann man hier auf der alten Baustraße in der totalen Einsamkeit, die nur hin und wieder von einem vorbeirasenden Expresszug unterbrochen wird, unterwegs sein, die im 19. Jahrhundert über die wilde Hardangervidda angelegt wurde, um Maschinen und Material für den Bau der Bergenbahn von Oslo nach Bergen heranzuschaffen. Wer es dann noch auf sich nimmt, den sehr steilen Abstieg dieses Weges ins Flamdal an den Aurlandsfjord zu bewältigen, trifft dort auf ein zweites Abenteuer.

Wie der Rallarweg ist auch die Flambahn, die von der Schnellzugstrecke Oslo-Bergen in der Gebirgswildnis von Myrdal abzweigt, einmalig. Mit einem Gefälle, oder umgekehrt mit einer Steigung von 55 Promille ist diese 20 Kilometer lange Strecke die steilste Normalspurbahn der Welt, die im Adhäsionsbetrieb befahren wird.

Manchmal fliegen Schneehühner neben der schmalen Fahrbahn auf, dann passieren wir Almen, die in den Sommermonaten von Menschen und ihren Tieren bewohnt sind. Und hätten wir uns nicht von Hemsedal, einem der wichtigsten alpinen Wintersportorte Norwegens, uns auf das kleine Sträßchen nach Ulsakstölen gemacht, auch einer Station der Abenteuerstraße, hätten wir das Erlebnis einer heute noch wie vor hundert Jahren bewirtschafteten Alm und die dort lebende Bäuerin Anne nie erlebt.

Stabkirchen wie in Borgund oder Torpo und Tierparks wie der Vassfare-Bärenpark oder der vor allem auf nordische Raubtiere spezialisierte Tierpark Langedrak sind unverzichtbare Stationen oder Abenteuer an der Abenteuerstraße. Dazu gehören Wasserfälle wie der Voeringfossen, der 180 Meter tief in eine niemals von der Sonne erreichte Schlucht stürzt, Golfplätze und Freilichtmuseen. Ein spezieller Mountainbikeparcours im Skigelände von Geilo lädt ein, Raftingtouren durch Wildwasserschluchten sind ebenso Teile der Abenteuerstraße wie der Laerdalstunnel, der längste Straßentunnel der Welt. Doch als wir nach 25 Kilometern aus ihm herausfahren, wissen wir: Das ist ein technisches Abenteuer, oben in den Bergen, auf der Abenteuerstraße ist mehr zu sehen.

Von Christoph Wendt

Info

Visit Norway

Eventyrveien
  • Artikelbild
    www.visitnorway.com
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