"Sehnsucht nach Stabilität"

17. November 2005, 23:11
2 Postings

Nachhaltigkeit müsse man sich leisten können, sagt Porr-Finanzvorstand Helmut Mayer im Gespräch mit Susanne Rössler

Er sieht die so genannte Sustainability als "Nullsummenspiel", weil zufriedene Mitarbeiter mehr leisten würden.

STANDARD: : Ist Nachhaltigkeit ein trendiges Schlagwort, das Geschäftsberichte schmückt, oder besteht ein echtes Bedürfnis danach?
Mayer: Ich glaube, viele Menschen spüren heute ein Bedürfnis nach Stetigkeit und Stabilität, was ja ein Effekt der Nachhaltigkeit ist. Viele sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder, weil der Elternglaube aus den 50er- und 60er-Jahren abhanden gekommen ist, dass es den Kindern besser gehen werde als ihnen selbst. Auch deshalb ist nachhaltiges Wirtschaften wichtig, denn es gibt den Menschen mehr Vertrauen in die Zukunft.

STANDARD: : Können Sie als Finanzvorstand eigentlich genau sagen, wie viel die Nachhaltigkeit kostet?
Mayer: Das kann man nicht seriös berechnen, zumal sie einem Unternehmen auch Kosten erspart. Zufriedene Mitarbeiter leisten mehr, bleiben der Firma länger treu, und ein gutes Betriebsklima verringert die Bedeutung des Einkommens. Die Investition in nachhaltige Personalentwicklung wie z. B. Qualifikationsmaßnahmen, dürfte also ein Nullsummenspiel sein.

STANDARD: : Was macht die Porr AG konkret für ihre 9500 Mitarbeiter?
Mayer: Wir bieten als einziges Bauunternehmen eine Pensionskasse für unsere Bauarbeiter an und hoffen, dass sie uns dadurch als "Heimat" sehen und lange bei uns bleiben. So bleibt auch deren Know-how bei uns im Haus - und es gibt nichts Erfolgreicheres in der Baubranche als gut eingespielte Partien.

STANDARD: : Nachhaltigkeit wird oft mit umweltbewusstem Handeln assoziiert. Ein heikles Thema für eine Baufirma?
Mayer: Heutzutage ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man umweltbewusst plant, baut und entsorgt. Früher war das anders: Bei Abrissarbeiten auf dem Gelände unserer Tochterfirma Teerag in Wien stießen die Arbeiter auf eine Unmenge von Teerfässern, die in den 20er- oder 30er-Jahren einfach eingemauert wurden. Nach damaligem Wissenstand hielt man das für vertretbar, aber heute wissen wir: Teer ist hochgiftig und kanzerogen. Natürlich haben wir jetzt die Fässer bei der EBS entsorgt.

STANDARD: : Ist Nachhaltigkeit ein Luxusthema?
Mayer: Umweltschutz ist bei uns erst dann wichtig geworden ist, als der allgemeine Wohlstand erreicht war. Man muss sich die Nachhaltigkeit leisten können - wie Brecht sagte: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Außerdem kann man die Folgen des eigenen Handels oft nicht abschätzen. Denken Sie nur daran, wie noch in den 50ern überall bedenkenlos mit Asbest hantiert worden ist.

STANDARD: : Ist Nachhaltigkeit etwa bloß eine Frage der Perspektive? Wenn die CEOs von DaimlerChrysler oder der Deutschen Bank Massenentlassungen ankündigen, werden sie dafür von der Börse belohnt. Die Aktionäre könnte das nachhaltig freuen.
Mayer: Nein, weil das nur ein kurzfristiger Erfolg ist. Die Börse vergisst diese Ankündigungen ja schnell wieder. Echte Nachhaltigkeit bedeutet etwas ganz anderes: dass kommende Generationen gut damit leben können, was wir heute machen. (Der Standard, Printausgabe 15./16.10.2005)

Zur Person:
Helmut Mayer (52) ist Finanzvorstand des börsennotierten Porr-Konzerns.
Share if you care.