Patricia MacLachlan: "Schere, Stein, Papier"

14. Oktober 2005, 21:13
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Elke Heidenreich über Kinderbücher, die Lebensbücher werden: Dieses erzählt die Geschichte des Findelkindes Sophie

Die Kinderbücher, die wir ein Leben lang lieben, hatten immer einen doppelten Boden, das heißt, unter der Geschichte, die für Kinder geeignet war, floss etwas anderes mit, das uns auch später nie aus dem Kopf ging. Pinocchio gehört dazu oder Dr. Dolittle. Diese Kinderbücher, und nur diese, wurden uns zu Lebensbüchern.

So ein Buch ist Schere, Stein, Papier. Es erzählt die Geschichte des Findelkindes Sophie, das eine Mutter in Not auf einer Insel bei einer Familie zurücklässt, die sie lange beobachtet und als geeignet befunden hat. Das Baby hat ein behütetes Jahr in dieser Familie, lernt laufen, sprechen, dann taucht die Mutter plötzlich auf und nimmt ihr Kind wieder mit.

Das ist schnell erzählt, aber unsichtbar in diese Geschichte verwoben ist alles, was unser Leben ausmacht: das Glück einer behüteten Kindheit, Eltern, die einander lieben, die Weisheit einer Großmutter, die schmerzliche Erfahrung von Verlust und sogar der Tod, und wie man damit fertig wird: Die Familie, bei der Findelkind Sophie landet, hat ein halbes Jahr zuvor ein Kind verloren, einen Jungen, der nur einen Tag lebte.

Sophie füllt diese Lücke, und doch fürchten alle, Sophie zu sehr zu lieben, weil der Verlust so wehtut, wenn man liebt. Aber der Liebe kann man nicht befehlen: Bleib da! oder: Geh weg! Das ist wie mit dem Tod. Liebe und Tod geschehen, gehören zum Leben wie der Schmerz und das Lachen, und auch diese Geschichte erzählt dieses Buch mit den melancholischen Bildern von Quint Buchholz.

Über das verlorene Kind kann diese Familie erst sprechen, weil es Sophie gibt, und alle können Sophie, obwohl sie sie so sehr lieben, am Ende wieder loslassen, denn das Loslassenmüssen haben sie schon einmal gelernt. Schere, Stein, Papier ist ein großes, kleines Buch. Seinen Titel verdankt es dem Kinderspiel, mit den Händen rasch Schere, Stein, Papier anzudeuten, und das Kind Sophie, das nach zehn Jahren die Familie wieder besucht, gibt sich damit zu erkennen - Schere, Stein, Papier, das hat der Vater mit dem Baby gespielt, und das hat das Kind sein Leben lang behalten - liebende, spielende Hände.

Auch davon erzählt Patricia MacLachlan: Wie sich Glück, Schmerz und Liebe tief in uns einbrennen, und dass das gut so ist, denn sonst wären wir nicht in der Lage zu fühlen, zu begreifen und zu lieben. Wir alle wären gern - wenigstens für ein Jahr! - Kind in einer solchen Familie gewesen. Was für ein Rüstzeug für ein gutes, erfülltes Leben! Und das Buch wird uns begleiten durch siebzig Jahre, wenn wir es mit zwölf Jahren lesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2005)

Von Elke Heidenreich
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    cover: süddeutsche junge bibliothek
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