"A History of Violence": Provokation. Reaktion. Normal?

14. Oktober 2005, 22:12
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Mit "A History of Violence" legt der kana­dische Kultregisseur David Cronenberg einen nur auf den ersten Blick konventionellen Thriller vor

Wie in früheren Meisterwerken ("Dead Ringers") arbeitet er auch in "A History of Violence" mit komplexen Beziehungen zwischen Raum und Körper.


Wien - Die Stadt Millbrook in Indiana ist so klein, dass Tom Stall jeden Morgen zu Fuß zur Arbeit gehen kann. Das Haus, in dem er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt, steht einsam an einem Feldweg. In dem Diner, das Tom im Zentrum von Millbrook betreibt, gibt es kaum einmal einen Gast, den nicht alle mit Namen grüßen könnten. Der Kaffee ist gut, der Sohn wehrt sich in der Schule mit Wortwitz gegen den Klassenrüpel, die Ehefrau verführt abends den Mann, indem sie sich ein Cheerleaderleiberl anzieht, und die kleine Tochter erwacht aus ihren Albträumen direkt in die bergenden Arme der Familie.

Tom, Edie, Jack und Sarah leben auf der anderen Seite der Gewalt, deswegen sind sie die Familie, die im Mittelpunkt des neuen Films von David Cronenberg steht: A History of Violence beruht auf einer "Graphic Novel" von John Wagner und Vince Locke. Der Titel stellt einen hohen Anspruch. Eine Geschichte der Gewalt, das ist mehr als nur eine Bewährungsprobe in 48 Stunden. Eine Geschichte der Gewalt verspricht eine implizite Theorie der Fortpflanzung von Zerstörung.

Gewalt gebiert Gewalt. In Millbrook, Indiana ist das Potenzial an Gewalt so niedrig, dass sie eigentlich zum Erliegen kommen müsste. Nicht einmal die Konkurrenzrituale in der Schule, die häufig traumatische Folgen haben, können das Gleichgewicht von Jack Stall nachhaltig erschüttern. Er hat in seinem Vater ein Vorbild an Virilität, die sich nicht im Faustkampf beweisen muss. Die Geschichte muss also von außen nach Millbrook kommen.

Ihre Quelle ist jene unheimliche Erstreckung des amerikanisches Raumes, die in den Romanen von James Ellroy ebenso zum Ausdruck kommt wie in einem Film noir wie The Killers und die Gewalt zuerst verschluckt, dann aber auch wieder ausspuckt. Die beiden nomadisierenden Mörder, mit denen Cronenberg beginnt, kommen nach Mill-brook und richten dort, noch bevor sie irgendetwas getan haben, die negative Energie neu aus.

Überraschung!!

Es überrascht nicht, dass sie in Tom Stalls Diner ihren Kaffee ziemlich unfreundlich bestellen. Wohl aber ist überraschend, wie Cronenberg diese Szene löst - von diesem Punkt an gibt es in A History of Violence immer neue unvermutete Wendungen, und es zählt zu den Qualitäten dieses Films, dass er stets stereotype Erwartungen enttäuscht und sich stattdessen in Richtungen bewegt, von denen in Millbrook niemand (alb)träumen würde.

Für einen Regisseur, der vom Splatter und vom Parapsychothriller kommt, erscheint A History of Violence auf den ersten Blick konventionell. Die Effekte des Splatter (zerschossene Gesichter, verspritztes Blut) dienen hier einem größeren Realismus, die psychischen Reaktionen sind sämtlich plausibel in einer "normalen" Logik von Provokation und Reaktion. Der Comic als Vorlage ist in der Charakterisierung sinistrer Nebenfiguren noch erkennbar, während die Familie Stall sich durch ein hohes Maß an Alltäglichkeit auszeichnet. Viggo Mortensen ist eine ideale Besetzung für diese Vaterfigur, die alle undenkbaren Gefahren durch reine Physis abzuwehren scheint. Dass er möglicherweise die Gewalt selbst heraufbeschwört, dass er vielleicht selbst eine Geschichte der Gewalt hat, schafft schließlich die Ungewissheit, die A History of Violence umschlagen und zu einem archetypischen Drama von Identität werden lässt.

Cronenberg führt Raum und Zeit ineinander über, ohne diese Kategorien deswegen aufzugeben. Während in seinen bekanntesten Filmen wie Dead Ringers oder Crash der Körper (und dessen Entstellungen) zum Handlungsort wurde, bleibt hier der Primat der äußeren Welt bestehen. Das wird nirgends deutlicher als in einer Szene, in der Tom Stall den Weg von seinem Diner nach Hause unter Zeitdruck zurücklegen muss. Er wähnt seine Frau bedroht, trotz einer akuten Verletzung macht er sich auf den Weg.

Indem Cronenberg die kleinen und die kontinentalen Distanzen in Nordamerika zum heimlichen Thema seiner Geschichte der Gewalt macht, nähert er sich dem klassischen Erzählkino an. Aus einem Werk, in dem bisher neurotische Abspaltungen so sichtbar (und unappetitlich) gemacht wurden wie nur denkbar, ist dies keine zwingende Konsequenz. A History of Violence ist jedoch ein exzellentes Beispiel für ein Kino, das den Körper im Raum denkt, ohne ihn durch Apparate und Somatisierungen zu sprengen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2005)

Von Bert Rebhandl
  • Der Star, der in "Herr der Ringe" Aragorn war, jetzt als "Held" eines neuen Meisterwerks von David Cronenberg: Viggo Mortensen in "A History of Violence".
    foto: warner

    Der Star, der in "Herr der Ringe" Aragorn war, jetzt als "Held" eines neuen Meisterwerks von David Cronenberg: Viggo Mortensen in "A History of Violence".

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