Wie viel Dienen können wir uns leisten?

21. Dezember 2005, 15:05
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Mitarbeiter sind nicht Kostenfaktor, sondern de facto das Kapital des Unternehmens - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Die Unkenrufe über den Untergang des Industriestandortes werden immer lauter - in Österreich, Italien oder Deutschland. Und schon seit Langem in USA und England. Zu oft wird dabei nur die negative Seite der Medaille gesehen - und nicht die positive: Durch zwei Drittel aller Beschäftigten und vier Fünftel aller Unternehmen werden 60 bis 70 Prozent des BIP der EU vom Dienstleistungssektor erwirtschaftet. In Österreich zählen 80 Prozent der Unternehmen mit 1,3 Millionen Beschäftigten und 60 Prozent der Bruttowertschöpfung zu diesem am schnellsten wachsenden Bereich der Wirtschaft. Fragt sich also, ob die Ablehnung des Bolkestein-Entwurfs einer EU-Dienstleistungsrichtlinie, die einen faktischen Wegfall der Kontrolle ausländischer Serviceunternehmen beinhaltet, förderlich oder nachteilig ist.

Weniger Bürokratie und mehr Freiheit sind zwar wachstumsfördernd, allerdings sollten dabei die unterschiedlichen sozialen Standards und Rechte nicht zu einem ruinösen Wettbewerb führen. Dieses Spannungsfeld muss gelöst werden, will man die Transformation von der Industrie-zur Servicegesellschaft als Treibstoff für Wachstum und Beschäftigung bewältigen:

1. Neue Produktivitätschancen: "Je weniger Industriearbeitsplätze, desto gesünder die Volkswirtschaft", lautet die provokante These eines kürzlich erschienenen Economist-Artikels. Darin wird argumentiert, dass in den USA, wo mittlerweile weniger als zehn Prozent der Arbeitsplätze zur Produktion gehören, der Trend vom "blue" zum "white collar" mit stark steigender Produktivität einhergeht.

Erstmals seit sieben Jahren verbuchte Deutschland das schnellste Wachstum unter den vier großen Euro-Ländern, nur Irland liegt voran. Diese Dynamik bei den Dienstleistungen deutet Ökonomen zufolge auf eine gesamtwirtschaftlich positive Entwicklung hin. Gleichzeitig lieferte auch der Index für das produzierende Gewerbe mit einem Wert von mehr als 50 die ersten deutlichen Aufschwungsignale seit sechs Monaten. Damit zieht Deutschland die gesamte Eurozone mit, meinen Experten des britischen NTC-Institutes.

2. Neue Erfolgsfaktoren: Was künftig zählt, ist nicht mehr die Unterscheidung nach Dienstleistung oder Produktion, sondern die Differenzierung innerhalb des Dienstleistungssektors nach Wertschöpfungsgrad. An beiden Enden des Spektrums ist Wachstum zu beobachten: So steigt rapide der Bedarf - und damit der Anteil höherwertiger Dienstleistungen -, vor allem in den Kreativ- und Hightech-Branchen; am anderen Ende findet sich eine (Wieder-)Entdeckung des "menschlichen Faktors" als Differenzierungsvorteil im Wettbewerb: So hat Shell vor Kurzem an elf Stationen den Tankwart in Form von "ausgebildeten Servicemitarbeitern" und einem Aufpreis von ein bis fünf Cent pro Liter wiederauferstehen lassen - mit Erfolg.

Auch im Handel wird der "Faktor Mensch" in der Differenzierung zum Discounter immer wichtiger; sei es in Form von individueller Beratung oder als "vertrautes Gesicht" an der Fleischtheke im konventionellen Supermarkt. Voraussetzung ist, dass - wie bei Shell - eine Modernisierung erfolgt.

3. Neue Steuerungsgrößen - Mitarbeiter als Kapital statt Kostenfaktor: Neue, differenzierte Begriffe sind nicht nur für die Diskussion um "Masterminds vs. McJobs" nötig; Unternehmen aus allen Sektoren wandeln sich zum "people business" - und brauchen neue betriebswirtschaftliche Konzepte. Mitarbeiter sind nicht Kostenfaktor, sondern de facto das Kapital des Unternehmens - eine Einsicht, die zwar alle Firmenbroschüren ziert, selten jedoch ihren Ausdruck in entsprechenden Bilanzierungs-und Berechnungskonzepten findet. Europa hat die Chance, mit einer gut ausbalancierten Liberalisierung im Dienstleistungsbereich den Abstand zu den schneller wachsenden Volkswirtschaften zu verringern. Unter diesem Aspekt kann sich die EU ruhig mehr an Service leisten.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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