Hl. Ursula, hilf dem "Kurier"!

23. Dezember 2005, 15:21
8 Postings

Allmählich sollte es auch die Öffentlichkeit interessieren, was es mit der Begeisterung des "Kurier" für Österreichs Außenministerin auf sich hat ...

Allmählich sollte es auch die Öffentlichkeit interessieren, was es mit der Begeisterung des "Kurier" für Österreichs Außenministerin auf sich hat, und was das die Steuerzahler eventuell kostet. Vor kaum zwei Monaten, am 8. August, feierte das Blatt, wie an dieser Stelle berichtet, Wolfgang Schüssels größte Marionette aus Anlass ihres dreivierteljährigen (!) Dienstjubiläums mit einer Bilanz, und in einem nebenstehenden Leitartikel rühmte Alfred Payrleitner die Zähigkeit der "heiligen Ursula" - eine Eigenschaft, die Frau Plassnik gewiss benötigt hat für das, was er registrierte: Nun scheint die Außenministerin bei sich und in ihrem Amt endgültig angekommen zu sein.

Den Anschein dieses Advents verstärkte der "Kurier", indem er die Frage Ist sie nur ein "Anhängsel des Bundeskanzlers?" selber zu beantworten klugerweise unter-und einem Politologen überließ, der diplomatisch befand, dass sie sich in dieser Eigenschaft von ihrer Vorgängerin unterscheide. Wie weit, blieb offen.

Sonntag war 's, der 9. Oktober, da hatte der "Kurier" schon wieder eine ganze Seite Plassnik-Festspiele, diesmal vermutlich aus Anlass des um zwei Monate vermehrten dreivierteljährigen Dienstjubiläums. Ein anderer Grund, die Dame im Feuer als Vollblut-Diplomatin mit Kunstsinn zu präsentieren, war jedenfalls nicht zu erkennen, es sei denn der, nach ihrem Auftritt bei den EU-Verhandlungen mit der Türkei noch einmal die Frage nach ihrer Eigenschaft als "Anhängsel des Bundeskanzlers" zu stellen - diesmal selbst und mutiger: In der Außenperspektive wird "ihr" Amt mehr und mehr als Dependance des Bundeskanzleramtes gesehen, nicht als eigenständiges Ressort.

So lange, wie sie die Bürde des Amtes schon trägt, ist es kein Wunder, wenn der "Kurier" erste Verschleißerscheinungen zu entdecken glaubt: Es gibt Momente im Leben von Ursula Plassnik, in denen sie einfach abschalten muss und will. Dann zieht sie sich zurück, tankt auf in der Abgeschiedenheit von Klöstern, holt sich Kraft in gotischen Kathedralen. In gotischen Kraftkammern Schüssel zu tanken statt Gott zu danken ist vielleicht nicht ganz im Sinne der heiligen Ursula, aber ein sicherer Beweis dafür, dass die Außenministerin bei sich und in ihrem Amt endgültig angekommen ist.

Wenn sie nicht gerade auftankt, gibt es anderes zu tun. Sie verschlingt Bücher in rasendem Tempo - und noch dazu in mehreren Sprachen. Über Neuerscheinungen der österreichischen Literatur weiß sie exakt Bescheid. Wäre es bei dieser in Österreichs Politik so seltenen Begabung nicht gescheiter gewesen, sie zur Bildungsministerin und die Gehrer-Liesl zur Außenministerin zu machen? Die ist doch ein mindestens so treues "Anhängsel des Bundeskanzlers" wie die Dame im Feuer, und das mit der Türkei hätte sie auch noch hingekriegt. Was ist schließlich das Chaos in der EU gegen das Chaos an den österreichischen Universitäten?

Erfreulich jedenfalls, wenn Frauen in unserer Männergesellschaft Karriere machen, egal wie. Leicht haben sie es dabei nicht, was Frau Dr. Eva Dichand in der Oktober-Nummer des Gratismagazins "Unser Wien", das weder mit besagter Gemeinde noch mit besagter Familie auch nur das Allergeringste zu tun hat, mit abgründiger Glaubwürdigkeit bestätigt. Der Anlass: Sie wird neben diesem Gratismagazin . . . nun auch die tägliche Gratiszeitung "Heute-Aktuell in den Tag" leiten. Warum ich das mache? Sie wird doch nicht endgültig bei sich und irgendeinem Gemeinde-Amt angekommen sein? Nein, sie macht es rein aus demselben Grund, aus dem auch der Schwiegerpapa anderswo seinen Qualitätsansprüchen frönt: Weil ich glaube, dass es ein gutes und interessantes Projekt ist, aus dem man mit Herz, Hirn und Kreativität viel machen kann.

Generell schon nicht ein besonders leichtes Vorhaben, da eben Gratiszeitungen rein von Anzeigeneinnahmen und nicht zusätzlich vom Verkaufserlös leben, was besonders das Herz der Herausgeber belastet, und für mich als Person mit dem Nachnamen Dichand vielleicht ganz besonders, ein Name, der wiederum zu Hirn und Kreativität verpflichtet. Akribisch wird beobachtet, warum und wieso und vor allem mit wessen Hilfe ich dieses Projekt mache. Immer wieder wurde versucht, meinen Schwiegervater Hans Dichand in die Nähe dieses Projektes zu rücken.

Wer kann nur auf eine derart schmutzige Idee kommen? Vielleicht jemand im Rathaus? Tatsache ist, dass er mit diesem Projekt rein gar nichts zu tun hat, und zwar porentief rein. Es weder finanziell noch sonst wie unterstützt, obwohl er immer vom Erfolg einer Gratiszeitung in Wien überzeugt war. Und obwohl er immer viele Feinde und vor allem - ganz typisch für Österreich - besonders viele Neider hat, ist er doch in der Nähe dieses Projektes. Denn er hat eine Zeitung nie aus Machtanspruch, des Geldes wegen oder aus Eitelkeit gemacht, sondern ausschließlich für den Leser, aus Überzeugung und Freude am Produkt. Und das kann man sich ruhig zum Vorbild nehmen.

Schön, wenn man sich nicht mehr selbst beweihräuchern muss, sondern dafür ein Anhängsel hat. (DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.10.2005)

Von Günter Traxler
Share if you care.