Grobe Zweifel an Todesursache

3. November 2005, 14:48
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Linzer Tropenmediziner: "Anämie in Zusammenhang mit dem Tod kaum relevant"

Linz – Nach dem Bekanntwerden des Obduktionsergebnisses im Fall des verstorbenen Schubhäftlings Yankuba C. (18) tauchten am Freitag erhebliche Zweifel an der angeblichen Todesursache auf.

Verkettung unglücklicher Umstände

Der 18-jährige Flüchtling aus Gambia befand sich im Hungerstreik und verstarb am 4. Oktober in einer Sicherungszelle der Linzer Polizei kurz nach einer ärztlichen Untersuchung. Laut Staatsanwaltschaft Linz war der Tod von C. eine "Verkettung unglücklicher Umstände". Der Verstorbene habe an einer erbbedingten Anomalie – einer so genannten Sichelzellenanämie – im Blutfarbstoff gelitten, die "im Zusammenwirken mit Flüssigkeits- und Kalorienmangel eine Verklumpung des Blutes und schließlich ein Herz-Kreislauf-Versagen" verursacht habe.

"Kein wesentlicher Einfluss"

Für den Linzer Tropenmediziner Walter Gockner, der selbst jahrelang in Afrika tätig war, ist dies nicht nachvollziehbar. "Ich hatte zwar keine Einsicht in die Befunde, aber aufgrund meiner Erfahrung trau ich mich zu sagen, dass diese Anämie keinen wesentlichen Einfluss am Tod gehabt haben kann. Es gibt viele Varianten davon. In Westafrika kommt sie bei rund 30 Prozent der Bevölkerung vor und ist lediglich ein genetisches Merkmal und keine Erbkrankheit", erklärt Gockner im STANDARD- Gespräch.

Lebensbedrohliche Variationen würden nur sehr selten auftreten und wenn überhaupt "bereits im Kindesalter zum Tod führen", so Gockner. "Klinisch hat die festgestellte Anämie für den Tod wahrscheinlich kaum Relevanz. Die ärztliche Betreuung war unzureichend, der junge Mann ist verdurstet – darauf deutet auch das zu dicke Blut hin", glaubt Gockner.

Für den Klubobmann der oberösterreichischen Grünen, Gunther Trübswasser, haben die bisherigen Ermittlungen "mehr Fragen als Antworten gebracht". Geklärt wissen will Trübswasser diese jetzt in einem Landessicherheitsrat mit Vertretern der Politik, den NGOs und der Exekutive. "Ich habe Landeshauptmann Pühringer bereits aufgefordert, dieses Gremium umgehend einzuberufen", so Trübswasser. Des verstorbenen Yankuba C. wird heute, Samstag, in einer großen Trauerkundgebung der Plattform Zivilcourage in der Linzer Innenstadt gedacht. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe, 15./16.10.2005)

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    In dieser Sicherheitszelle in der Polizeianhaltestelle in der Polizeidirektion Linz starb am Dienstag, dem 4. Oktober 2005, der afrikanische Schubhäftling.

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