Für eine mitfühlende Globalisierung

31. Oktober 2005, 11:15
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Mexikos Finanzminister Ángel Gurría, der sein Land aus der Krise führte, will Generalsekretär der OECD werden. Mit ihm sprach Erhard Stackl

STANDARD: Señor Gurría, die OECD ist uns vor allem durch ihre Konjunkturberichte und durch vergleichende Statistiken in Bereichen wie Bildung und Pensionsreform bekannt. Worin sehen Sie die wichtigsten Aufgaben?

Gurría: Wenn man vom ursprünglichen Mandat des Jahres 1961 ausgeht, geht es darum, was zu tun ist, damit die Weltwirtschaft besser funktioniert. Es geht um ein besseres Lebensniveau der Menschen, um Freihandel – das Mandat ist ganz einfach. Es tauchen ständig neue, faszinierende Themen auf. Aber im Grunde geht es um das ökonomische Gleichgewicht im Bereich der öffentlichen Finanzen – dass die Staaten Budgetdisziplin einhalten – und um ausgeglichene Zahlungsbilanzen. Es gibt auch Länder, die die Wechselkurse ihrer Währungen manipulieren, den Handel oder Investitionen behindern. Die OECD muss diese Probleme identifizieren, mit den betroffenen Ländern reden, die Folgen bewerten.

STANDARD: Und Ihre persönlichen Prioritäten?

Gurría: Zuallererst das Thema der nachhaltigen Entwicklung. Da geht es um den Klimawandel, um die Versorgung mit Wasser, um den Kampf gegen die Armut und um die Energie. Bei den beiden letzten Punkten verfügt die OECD-Familie über zwei Institutionen: Zur Koordination der Entwicklung und der Geberländer gibt es das DAC (Development Assistance Committee), für die Energie die IEA (International Energy Agency). Dazu gibt es noch Bereiche,die sich mit der Finanzierbarkeit von Pensions- und Gesundheitssystemen befassen. Einer dritten Gruppe geht es um Wettbewerbsfähigkeit. Dazu gehören Bildung, Forschung, Biotechnologie, Produktivität und Arbeitsplätze. Zusätzlich zählt noch die Migration zu meinen Hauptthemen.

STANDARD: Zum Thema Energie: Sie haben in den Neunzigerjahren, als der Ölpreis niedrig war, als Finanzminister Mexikos eine enorme Rolle dabei gespielt, das Land aus der Krise zu führen. Könnte es jetzt, bei den enorm hohen Energiepreisen, in Ländern ohne eigene Ölproduktion neue Finanzkrisen geben?

Gurría: Der steigende Ölpreis wirkt sich auf das Wachstum aus, bei einem um zehn Dollar höheren Ölpreis wächst die Weltwirtschaft um ein halbes Prozent weniger. Das trifft alle. Die Nichtölländer trifft es zweifach: Einerseits durch geringeres Wachstum, anderseits – wegen der teureren Ölimporte – in der Zahlungsbilanz. Mexiko exportiert Öl für fast 200 Mrd. Dollar pro Jahr, davon 180 Mrd. an die USA. Wenn die US-Wirtschaft geringer wächst, trifft uns der Bedarfsrückgang. Zusätzlich sehen wir jetzt, aus Angst vor steigender Inflation, Verteidigungsmaßnahmen im monetären Bereich.

STANDARD: Also höhere Zinsen.

Gurría: Ja. Einem Land wie Mexiko nützen einerseits die höheren Ölpreise, uns trifft aber das geringere Wachstum und wir müssen – wie alle – auch die internen Zinsen anheben, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

STANDARD: Die OECD gilt als "Klub der Reichen". Kritiker der Globalisierung meinen, dass es ihr nur um die Makroökonomie gehe, nicht um die soziale Lage der Menschen.

Gurría: Wir müssen eine Globalisierung erreichen, die mitfühlender ist, gerechter und ausgewogener. Eine Globalisierung, die den Ärmsten nicht schadet, sondern ihnen hilft. Die Industriestaaten müssen sich bewusst sein, dass sie einen Teil ihres Reichtums zur Hilfe der ärmsten Länder aufwenden müssen.

STANDARD: Was halten sie von der "Tobin-Steuer" auf internationale Finanztransaktionen?

Guerría: Ich bin da kein fanatischer Befürworter. Man braucht ein modernes Steuersystem, das mehr Gewicht auf indirekte Steuern, auf Konsumsteuern legt und weniger Gewicht auf die Besteuerung von Investitionen, Arbeit und Sparguthaben.

STANDARD: Was unternimmt die OECD gegen die Steuerflucht und im internationalen Kampf gegen Korruption?

Gurría: Die OECD hat ein berühmtes Zentrum für Steuern, es hilft Ländern weltweit, die Administration ihrer Steuern zu verbessern. Was die Korruptionsbekämpfung betrifft, so war die OECD das Forum, wo internationale Standards vertraglich festgelegt wurden. Vorher war das, was in einem Land als Bestechung und Verbrechen galt, in einem anderen steuerlich absetzbar.

STANDARD: Sie haben eingangs vom großen Thema Wasser gesprochen, zu dem es aber anscheinend an internationalen Initiativen mangelt.

Gurría: Wir haben es noch immer nicht geschafft, ein ausreichendes Bewusstsein dafür zu schaffen: Wasser muss gleich wichtig genommen werden wie der Kampf gegen die Armut. Wo es Armut gibt, gibt es auch schlechtes Wasser, das Krankheiten verbreitet. 1,2 Milliarden Menschen, auch in den großen Städten, haben kein sauberes Wasser zur Verfügung. Es könnte das eintreten, was vielen als Klischee gilt: Dass die Kriege des 21. Jahrhunderts um Wasser geführt werden.

STANDARD: Was sagen Sie zum Streit um die Agrarsubventionen in der EU und in den USA?

Gurría: Protektionismus trifft die Entwicklungsländer direkt – sie haben kaum Marktzugang und härtere Konkurrenz. Ein freier Weltmarkt könnte die Versorgung mit Nahrungsmitteln problemlos sicherstellen. Es geht um eine Politik für die interne Klientel in den USA, Europa und Japan. Die OECD könnte helfen, das zu lösen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16.10.2005)

Zur Person

Der Ökonom José Ángel Gurría Trevino wurde 1950 in Tampico in Mexiko geboren. Von 1994 bis Jänner 1998 war er mexikanischer Außenminister, dann bis Ende 2000 Finanzminister. Wegen seiner Leistung, Mexiko aus der Finanzkrise zu führen, wurde er 1999 vom Magazin Euromoney zum "Finanzminister des Jahres" gewählt. Am Freitag warb Gurría in Wien für seine Kandidatur um die Nachfolge des OECD-Generalsekretärs Don Johnston (69) aus Kanada. Die Konkurrenten sind Polens Expremier Marek Belka, der Franzose Alain Madelin, Alan Fels aus Australien, der Südkoreaner Han Seung-Soo und vor allem die Japanerin Sawako Takeuchi. (est)

Wissen

OECD - Mehr als ein Thinktank
  • Angel Gurria, Finanzexperte aus Mexiko, will die OECD mit Sitz in Paris zum "Sekretariat für den Globalisierungsprozess" machen. Mit ihm streben noch fünf weitere Bewerber an die Spitze der Organisation.
    foto: standard/andy urban

    Angel Gurria, Finanzexperte aus Mexiko, will die OECD mit Sitz in Paris zum "Sekretariat für den Globalisierungsprozess" machen. Mit ihm streben noch fünf weitere Bewerber an die Spitze der Organisation.

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